Gipfelschatten

Während ich an meinem Schreibtisch sitze und die Bilder vom letzten köstlichen Mahl bearbeite, wummern ununterbrochen Hubschrauber über unserer Nachbarschaft. Ständig heulen Sirenen auf der Hauptverkehrsstraße. Das geht schon seit Tagen so, genauso wie schon seit Tagen zwei Polizisten an unserer S-Bahn Station patrouillieren. Morgens und zur Feierabendzeit staut sich der motorisierte Verkehr weit über das übliche Maß hinaus. Eine Stadt im Ausnahmezustand und dabei wohnen wir gut 5 Kilometer vom Ort des künftigen Geschehens entfernt im wenig hippen, recht beschaulichen Osten der Stadt. Hierher verirren sich normalerweise weder Touristen noch sonstige Suchende. Hier haben wir unsere Ruhe – gehabt. Der in meinen Augen vollkommen überflüssige und Unsummen verschlingende Gipfel scheint nun alle Bewohner der Stadt in den völligen Wahnsinn zu treiben. Fast wären wir versucht, der Stadt über das Wochenende den Rücken zu kehren. Flight or fight. Während wir noch auf dieser Frage herum diskutierten, bereitete ich gestern dieses schlichte Salat-Gericht. Zu mehr reichte die Konzentration nicht.

Für den Ofen-Blumenkohl-Süßkartoffel-Salat:

  • 1/2 Blumenkohl (ca 600 g), von Hand in Röschen gebrochen
  • 2 Süßkartoffeln (ca. 600 g), geschält, grob gewürfelt
  • 30 g Olivenöl
  • 1 TL Koriander, gemahlen
  • 1 TL Oregano, getrocknet
  • 2 EL Tahin
  • 1 EL helle Miso-Paste
  • 2 TL Rotweinessig
  • 1,5 EL Wasser
  • 3 EL Sesamsaat, geröstet
  • Salz, schwarzer Pfeffer
  • Kräuter oder Lauchzwiebeln nach Belieben

Ich gab Blumenkohl und Süßkartoffeln mit Olivenöl, Koriander, Oregano und Salz in eine große Schüssel, zu der es einen Deckel gibt, und schüttelte alles gut durch. Dann verteilte ich beides auf einem mit Backpapier belegtem Blech und schob es für ca. 35 Minuten in den auf 180°C Umluft vorgeheizten Backofen. Herr H. verrührte die restlichen Zutaten zu einer cremig-flüssigen Sauce und schmeckte sie mit Salz und Pfeffer ab. Ich röstete die Sesamsaat trocken in der Pfanne. Während er rührte, sinnierte er, dass es opportunistisch sei, die Stadt am Wochenende fluchtartig zu verlassen. Immerhin müssten wir hier unsere Fenster vermutlich nicht verbarrikadieren wie die Anwohner des Schanzenviertels und es sei schließlich auch unsere Stadt, auch wenn es gerade nicht danach aussähe. Die Polizei wolle doch nur den Schutz der hochrangigen Politiker sicher stellen. Ich schwieg, schäumte innerlich jedoch und platzte schließlich heraus, „und wer sorgt sich um meine Sicherheit, wenn ich versuche, morgens beim Laufen die Hauptstraße zu queren und die nächsten Autos mit mindestens 80 Sachen angerauscht kommen?“. Doch er schüttelte nur sacht den Kopf und winkte ab. Zu oft schon hatten wir dieses Gespräch gehabt. Zum Glück ertönte in diesem Augenblick das Piepsen des Kurzzeitweckers. Ich nahm das Blech aus dem Backofen, verteilte Blumenkohl und Süßkartoffeln auf zwei Teller und gab Sauce und Sesam darüber.

Fazit: Et voilá. Damit war immerhin die vom niedrigen Blutzuckerspiegel ausgelöste schlechte Laune vertrieben. Ich empfehle, vorsichtshalber gleich die doppelte Menge des Salates zuzubereiten, soll er als alleinige Mahlzeit dienen. Uns schmeckte die Kombination so gut, dass wir uns nachdem der karge Nachschlag verzehrt war, überrascht ansahen. Wie? Das sollte schon alles gewesen sein? Zum Glück hatte ich die Hobnob-Vorräte aufgestockt, so dass wie noch etwas zum Knabbern hatten, während wie uns voller Schaudern die Berichterstattung zum Gipfel, der noch nicht einmal stattfindet, ansahen. Was für ein Theater!

Aus (etwas improvisiert): Appetites – Ein Kochbuch Anthony Bourdain

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14 Gedanken zu „Gipfelschatten

  1. Hoffentlich habt ihr alles heil überstanden!
    Solche Debatten gibt es bei uns auch immer wieder, was denn nun wirklich gefährlich ist.
    Dein Essen ist dagegen nichts, was diskutiert werden muss: Das schaut sehr gut aus!

    • Danke. Das haben wir, im Gegensatz zu vielen anderen, Susi. Aber es war irgendwie schon anstrengend, auch wenn wir weitab des Geschehens weilten.

  2. Ich fühle mit Dir – so ein Aufstand! ich kenne das ein wenig; hier in München findet doch alljährlich der Sicherheitsgipfel statt. Glücklicherweise wohnen wir weit genug draußen, um von de Folgen verschont zu bleiben. Aber wehe, man vergißt was los ist und will versehentlich in die Stadt….ach, und habe ich schon die Meisterfeier des hiesigen Fussballvereins erwähnt? Unglaublich! Die ganze Innenstadt verrammelt wegen….grmpf. Sagen wir so, meine Vorurteile gegen Fußball wurden bestätigt.
    Das beste an diesem Gipfel scheint ja das Damenprogramm zu sein ;-).
    Und ofengerösteter Blumenkohl ist durch nur ganz wenig zu toppen.

  3. Viel Lärm… schon vor Wochen las ich einen Bericht eines Apothekers der im abgesperrten Bezirk seine Apotheke hat, die rechtlichen Feinheiten sind gar nicht ohne.
    So wie dein Gericht… keep cool!

  4. Hallo Eva,
    Ich bin ganz froh, dass meine Tochter ab morgen zu uns in den friedlichen Norden kommt.
    Aber mal was anderes: Helle Misopaste – habe ich noch nie probiert. Ist das das gleiche wie süße Miso? Ich hab hier so ein in Japanisch angehauchtes Patisserie Buch und dort wird es in manchen Rezepten verwendet. Leider bekomme ich hier auf dem platten Land so etwas nicht. Du kaufst es ja sicher im Asia Laden, oder?
    Liebe Grüße Maren

    • Ja, das war sehr schlau von deiner Tochter.
      Helle Miso-Paste (Shiro(weiß)-Miso) bekommst du in jedem gut sortierten Asia-Laden oder auch bei Alnatura. Daher habe ich meins.
      Liebe Grüße,
      Eva

  5. …und worin gipfelt das ganze Gipfelgetue jeweils? Darüber wird demnächst in meiner elektronischen Zeitung zu lesen sein, ich werde diese Beiträge aber eher nicht anklicken…
    Beim Blumenkohl aus dem Ofen klickt es bei mir hingegen: viel zu lange habe ich das nicht gemacht! Danke für den Reminder.

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