Von Waschküche zu Wirsing

Wirsingcurry 1

Meine Großmutter ist eine höchst begabte Geschichtenerzählerin. Auch wenn ich inzwischen viele Geschichten kenne, Wiederholungen sind unvermeidlich, gibt es doch in jeder erneut erzählten Geschichte einen Dreh oder eine Zusatzinformation, die mich unweigerlich überrascht und alles Erzählte in eine neues Licht rücken. Beim letzten Besuch, ich weiß gar nicht, wie wir eigentlich darauf kamen, fragte ich sie, wann sie eigentlich ihre erste Waschmaschine hatte und wie das vorher war mit dem Wäsche waschen. Sie lehnte sich lächelnd in ihrem Sessel zurück, zog die Decke, die über ihren Knienen lag ein wenig höher und ich wusste, dass ich mich auf eine längere Geschichte freuen konnte. Wäsche wurde in der Waschküche gewaschen. Jedes Haus hatte eine. Darin befand sich ein mit Holz befeuerbarer riesiger Bottich, in dem die zuvor eingeweichte Wäsche gekocht wurde. Anschließend wurden besonders verschmutzte Partien von Hand auf dem Waschbrett gerubbelt, bevor die Wäsche mindestens drei Mal in kaltem Wasser gespült und hinterher gewrungen wurde. Zum Trocknen wurde sie in der Regel nach Draußen gehängt, auch im Winter. Die steif gefrorene Wäsche taute dann im Haus einfach auf und war so gut wie trocken. Gewaschen wurde in der Regel nur einmal pro Woche. Frische Bettwäsche gab es nur alle 4 Wochen. Und das alles sei noch gar nicht allzu lange her, schloß sie. Ihrer erste Maschine zog Anfang der 70er Jahre ein. Das sei schon eine immense Erleichterung gewesen.Glücklich seien sie jedoch auch ohne gewesen. Ich musste nicht lange überlegen, ob ich mir ein Leben ohne Waschmaschine vorstellen konnte. Was für ein Umstand! Wie einfach haben wir es doch und wie selbstverständlich ist das alles in nur wenigen Jahrzehnten geworden. Das tut manchmal ein bisschen Bescheidenheit und Dankbarkeit gut. Ich dachte direkt abends beim nächsten Mahl daran.

Für das Wirsing Curry mit halbgetrockneten Trauben:

  • 1/2 kleiner Wirsing, ca. 600 g (war eh übrig), entstrunkt, in feine Streifen geschnitten
  • 1/2 rote Chili, fein gehackt
  • 15g frischer Ingwer, fein gehackt
  • 1 EL Butterschmalz oder Ghee
  • 1 TL Kreuzkümmel, gemahlen
  • 1/4 TL Asafoetida
  • 1 TL Bockshornklee, gemahlen
  • 1/2 TL Zimt, gemahlen
  • 1 TL Kurkuma, gemahlen
  • 50 g Sultaninen (ich: ca. 200 g frische rote Trauben, halbiert, mit wenig Kokosblütenzucker bestreut)
  • 50 g Walnüsse, geröstet
  • Salz
  • ca. 200 g Kokosmilch
  • 1 – 2 EL Zitronensaft (ich : Limette)

gemüse serie

Die Inspiration für dieses schlichte Curry stammt wieder einmal aus alter bewährter Quelle. Da noch so viele frische rote Trauben im Haus waren, beschloss ich die Sultaninen durch halbgetrocknete Trauben zu ersetzen. Ich schob die Form in den auf 130°C vorgeheizten Backofen und vergaß sie für eine gute Stunde darin. Herr H. hatte inzwischen das Butterschmalz im Bräter erhitzt, Chili, Ingwer, Kreuzkümmel, Asafoetida, Bockshornklee, Zimt und Kurkuma ca. 2 Minuten darin angeröstet und anschließend den Wirsing und eine gute Prise Salz zugefügt. Nachdem er unter Rühren etwas zusammengefallen war, goss er ca. 200 g Wasser an und ließ alles abgedeckt ca. 15 Minuten köcheln. Dann gab er die Kokosmilch hinzu, schmeckte erneut mit allen Gewürzen ab (der Wirsing schien jegliches Gewürz schlicht zu „schlucken“) und ließ das Curry weitere 10 Minuten offen köcheln. Ich hatte in der Zwischenzeit die Hirse gegart, musste weg, Basmatireis passt sicher genauso gut und konnte nun endlich alles in vorgewärmten Schalen anrichten.

Wirsingcurry 3

Fazit: Schlicht und ergreifend ein absolut leckeres Curry.Während Herrn H. besonders die Kombination mit Hirse verzückte, gefielen mir die halbgetrockneten Trauben als Sultaninenersatz hervorragend. Fast hoffe ich schon auf den nächsten Wirsingrest in meinem Kühlschrank. Nach dem Essen räumte ich innerlich sehr dankbar das Geschirr in die Spülmaschine und lauschte versonnen ihrem leisen Rumpeln. Was habe ich es doch gut.

Falls jemand tatsächlich einen eher sparsam bestückten Gewürzschrank haben sollte, kann man ersatzweise sicher auch einfach fertig gekauftes Currypulver verwenden.

Aus: happinez Kochen Nummer 1 2012 Bauer Zeitschriften Verlag KG

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30 Gedanken zu „Von Waschküche zu Wirsing

  1. Wirsing im Curry wäre mir im Leben nicht eingefallen, aber warum eigentlich nicht? Mit Weißkohl gehts ja auch. Das wird ausprobiert.
    Eine Frage zum gemahlenen Bockshornklee. Kaufst du den gemahlen oder hast du eine Gewürzmühle? Im Mörser kriegt man das Zeug nämlich kaum klein (und mir ist in meinem indischen Kochbuch bisher auch kaum anders als im Ganzen untergekommen).

    • Eben eben.:-)
      Den Bockshornklee kaufe ich ungemahlen im Asia-Laden. Ich habe so eine kleine Handgetreidemühle, die ich nur als Gewürzmühle nutzte (Luxus, ich weiß), damit bekommt man ihn gut klein – und gemahlene Gewürze verlieren ihr Aroma ja recht rasch…

      • Dachte ich es mir doch 😉

        Ich habe es gestern gekocht, allerdings mit Abwandlung. Bockhornklee und Zimt kamen im Ganzen in den Topf (kriegt man beides im Mörser nicht gut klein). Walnüsse waren nicht im Hause, die wurden durch gehobelte Mandeln ersetzt. Die Sultaninen habe ich auch weggelassen, das ist einfach nicht meins, aber dafür ist ein Stückchen Palmzucker in den Topf gewandert. Es hat ausgezeichnet geschmeckt.
        Vielen Dank nochmal für die tolle Anregung. So wird es Wirsing hier sicher öfter geben, schließlich ist Winterzeit ja Kohlzeit.

      • Freut mich, dass es so gut geschmeckt hat und Abwandeln tut doch jeder je nach Geschmack und Vorratslage. 🙂

  2. Da fällt mir wieder auf, wie alt ich bin: Die Geschichte mit dem Wäschewaschen kenne ich noch gut aus meiner Kindheit. Das war damals die Samstagsbeschäftigung. Und danach bin ich mit der Mama immer zum Bach auf der anderen Straßenseite, da wurde die Wäsche dann gespült. Gut, dass wir recht nach an der Quelle gewohnt haben … :0
    Die Idee mit den halbtrockenen Trauben ist wirklich hervorragend! Und der Rest klingt auch super.

  3. Nun, liebe Eva, wenn du mich fragst: das begnadete Geschichtenerzählen hast du definitiv von deiner Oma geerbt! Immer wieder schön, wie du hier nicht nur tolle Rezepte und Gerichte vorstellst, sondern dank wunderbaren Geschichten drum rum deine Leser prächtig unterhältst! Merci dafür! 🙂

    • Danke, Marco. Aber ich fürchte, meiner Großmutter kann ich das Wasser nicht reichen. Ich weiß auch nicht genau, wie sie es macht, aber sie versteht es, einen förmlich in ihre Geschichte/n einzusaugen. Vielleicht bin ich einfach noch nicht alt genug. 😉

  4. Auch wenn ich um Wirsing einen Bogen mache… gerade am Samstag sah ich einen fernsehbeitrag über den Einzug der Elektrizität in die Privat-Haushalte, das war sehr interessant. Und kann mich auch noch an den Geruch kochender Wäsche auf dem Herd erinnern, im riesigen Einkochtopf….

    • Was hast du gegen Wirsing? Von allen Kohlarten ist er doch eher ein „verträglicher“ Gesell…
      Ich habe noch Kochbücher aus genau dieser Zeit – irgendwie fasziniernd „gruselig“. Wir haben es schon gut.:-)

  5. Leckerer Wirsing!
    Und natürlich werden Erinnerungen wach: Waschtag! Kupferkessel einheizen, Wäsche stampfen im grossen Trog, der einzige Luxus war ein wasserbetriebenes Auswring-Gerät: was für eine Plackerei für Mutter und Grossmutter. Zu essen gab es an Waschtagen entweder Zwiebel- und Fruchtwähen (vom Bäcker geliefert!) oder weisse Semmeln mit Butter und heisse Schokolade (für uns Kinder ein Fest, für Vater wahrscheinlich ein Frust!).
    Vor kurzem war meine Waschmaschine defekt, die Reparatur liess auf sich warten. Also die halb gewaschene Wäsche aus der Maschine in einem Bottich fertig gewaschen. Glücklicherweise steht die Maschine in einem Pavillon im Garten, das Herumspritzen war also kein Problem! Da kamen mir die Waschtage von früher ebenfalls in den Sinn.
    FEL!X

    • Danke, Felix. Ich bin ziemlich froh, dass ich keine Erinnerungen aus erster Hand an diese Zeit habe. Man mag sie romantisch verklären, aber für die Frauen insbesondere war sie bestimmt kein Zuckerschlecken. Umso mehr Dankbarkeit empfinde ich, wenn ich gelegentlich daran erinnert werde, dass es nicht selbstverständlich ist, diese herrlichen Maschinchen „befehligen“ zu können…
      Liebe Grüße,
      Eva

  6. Ich kann mich noch gut erinnern an das Sitzbad, dass es im Anschluss an den Waschtag im verzinkten Waschtrog gab. Mit warmem (!) Restwasser aus dem holzbeheizten Bottich. Wirsing gabs auch mehr als genug, kann mich aber nicht an besonders edle Rezepturen erinnern.

    • Ja, von dem anschließenden Bad erzählte meine Großmutter auch – erst der Vater, dann die Kinder in absteigedem Alter und zuletzt natürlich das Mütterlein. 😉

      • Nein, ganz und gar nicht. Welche Walnüsse sollte man denn sonst nehmen? Ich habe fast 10 kg Nüsse 🙂
        Ob ich jemand finde, der mir die alle knackt und pult??

      • Auf den Kommentar kann ich nun gar nich „gefällt mir“ klickern 😉
        @felixthailand: immer her damit, also mit dem Rezept!

      • @ richensa
        Würde dir gerne beim Schälen helfen, bin allerdings etwas weit entfernt von Berlin!
        Aber ein Back-Rezept für ein Nussbrot (Mittelding zwischen Kuchen und Brot), wo du recht viele Baumnüsse verwenden kannst, hätte ich dir!

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