Vom Glück im Nichts

Pasta mit Räucherlachs 2Was genau macht uns eigentlich glücklich? Es scheint schwer zu fassen, dieses flüchtige Gefühl, nach dem sich die ganze Menschheit so verzehrt. Die ganze Menschheit? Nun, das vermag ich nicht zu sagen. Herr H. jedoch, gefragt, ob er denn jetzt gerade glücklich sei, zuckte stets leicht ratlos die Schultern. Wie es sich denn anfühle, das Glück? Wie es sich genau anfühle? Eine gute Frage, auf die ich spontan keine Antwort wusste. Ich müsse darüber nachdenken, gab ich zurück und grübelte und grübelte, immer mal wieder, mal mehr, mal weniger intensiv.

Zufriedenheit war leicht zu greifen als „Abwesenheit von Verlangen“. Ist Glück nun einfach die Steigerung der Abwesenheit des Verlangens? Ist eine Steigerung von Abwesenheit überhaupt möglich? Fest steht, dass die gute alte Zufriedenheit eher negativ konnotiert scheint. Wer nichts mehr will, stagniert, bewegt sich nicht mehr und das ist per se schlecht in einer Zeit, in der alles immer mehr, immer neuer, immer interessanter sein muss. Folglich kann das Glück, nach dem alle Streben keine Steigerung von Zufriedenheit sein. Die Ethymologie des Wortes „Glück“ hingegen besagt den günstigen Ausgang eines beliebigen Ereignisses, für das weder Talent noch Zutun des „Beglückten“ nötig waren. Folglich kann Glück weder erstrebt noch erarbeitet werden. Das Glück findet den Menschen und nicht umgekehrt. Herr H., dem ich diese Gedanken vielleicht ein wenig unzusammenhängend präsentiert hatte, schüttelte verwirrt den Kopf und plädierte dafür, an anderer, konkreterer Stelle zu suchen.

Für die Sedani con Vodka e Salmone affumicato:

  • 175 g getrocknete Sedani (oder andere kurze, dicke Röhrennudeln)
  • Olivenöl
  • 1 kleine Zwiebel, in Ringe geschnitten oder fein gehackt
  • 375 g stückige Tomaten aus der Dose (ohne Haut)
  • (ich: 1 Stange Sellerie, feinst gewürfelt)
  • 10 g Wodka
  • 25 g Crème double oder Sahne (ich: Crème fraîche)
  • Salz, schwarzer Pfeffer
  • frisches Basilikum, nach Belieben
  • 60 g Räucherlachs, in Streifen geschnitten oder gerollt
  • (ich: reichlich Caciocavallo, gerieben)

zutaten serieWährend wir die Zutaten für das Abendessen zusammensuchten, diskutierten wir lebhaft weiter. Ich schwitze die Zwiebeln in etwas Olivenöl ca. 5 Minuten glasig, gab den Sellerie hinzu und ließ alles abgedeckt bei schacher Hitze schmoren, bis der Sellerie den gewünschten Gargrad erreicht hatte. Dann gab ich Tomaten und Wodka hinzu und ließ die Sauce ca. 15 Minuten offen köcheln. Herr H. hatte derweil die Pasta in reichlich Salzwasser al dente gegart und abgegossen. Ich gab die Crème fraîche zur Sauce und hob sie gemeinsam mit der Pasta unter. Herr H. hatte den Lachs in dekorative Röllchen gelegt. Ich richtete die Pasta mit den Röllchen und Basilikum in vorgewärmten Schalen an und rieb den Käse darüber. Es roch unwiderstehlich, aber leider musste ich mich, wie üblich, gedulden.

Pasta mit Räucherlachs 1Fazit: Als wir endlich am Tisch saßen, spießte Herr H. die erste Nudel auf, kaute und schloß die Augen. Da sei es, das Glück, im Hohlraum einer dicken Röhrennudel, die sich mit köstlichster Sauce vollgesogen habe. Ich sah ihn leicht fassungslos an, aber er forderte mich auf, die Grübelei einfach beiseite zu schieben und selbst zu kosten. Und was soll ich sagen? Man muss es einfach ausprobieren. So ein Hohlraum kann sehr erfüllend sein.

Aus: Pasta Antonio Carluccio

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26 Gedanken zu „Vom Glück im Nichts

  1. Dein Blog und vor allem deine Essensbilder sind doch der lebende Beweis dafür, dass man das Glück sehr wohl suchen (und finden) kann. Und daraus resultiert Zufriedenheit, ein dauerhafterer Zustand.

  2. Kohlehydrate machen glücklich! Mich zumindest. Das fällt mir derzeit so arg auf, weil ich gerade versuche, mich diesbezüglich ein wenig einzubremsen. Es gibt verdammt wenige Rezepte, die mich trotz Abwesenheit von Kohlehydraten glücklich machen. Das Rezept hier würde meinem Wohlbefinden auf jeden Fall auf die Sprünge helfen. 🙂

    • Mich auch! Ich habe gerade eine absolute Pasta-Phase. Schlimm. Zum Glück laufe ich regelmäßig, da werden die Hüften nicht ganz so arg strapaziert, sonst sähe es finster aus. 😉

  3. Ich glaube auch, dass Zufriedenheit eine wichtige Rolle beim Glück spielt. Ab und an stellt es sich ein, das Glück, oft ganz unvermutet, man muss es dann halt auch nur mitbekommen…
    Wer nur die ganz großen Momente zählt, verpasst da was.
    Als Mann, also als eher schlichtes Wesen😉, braucht es für mich gar nicht so viel – und hat erstaunlich oft einfach nur mit gutem Essen, gutem Getränk und guten Freunden in guter Umgebung zu tun.
    Btw: Wir könnten dem Glück mal wieder etwas nachhelfen und einen netten Abend verbringen. Gebt doch mal Bescheid…

    • Ja Sönke, Zurfriedenheit empfinde ich auch als wichtiger (und fast noch schwerer zu erlangen) als Glück. Und was die Förderung deines Glücks angeht, nun, ihr wisst ja wo unser großer Esstisch steht und seid herzlich eingeladen, ihn zu besuchen. Wir haben an den nächsten Wochenenden noch nicht besonderes vor. 🙂
      Liebe Grüße an alle,
      Eva

  4. Glück bedeutet für jeden etwas anderes. Ich bin zum Beispiel sehr glücklich wenn ich herzhaft in ein lauwarmes Stück Schokoladenkuchen mit grosszügig Doppelrahm beissen darf 🙂 Da strahlt das Glück förmlich aus mir raus! Danke an dieser Stelle für die Erinnerung, endlich mal wieder Pastasauce mit Wodka zu machen. In Kombination mit Lachs noch nie probiert, aber das hole ich nach!

  5. Seine Mitte finden, mit sich selbst einig sein.
    Für mich hat es ganz viel mit der Einstellung zum Leben zu tun. Nicht dauernd etwas nachzurennen, nicht immer nur höher-schneller-weiter. Einfach mal zufrieden sein.

    Glück ist etwas, das man manchmal gar nicht auf den ersten Blick wahrnimmt, zuweilen glaubt man sich gar von ihm verlassen. Dabei gibt es doch so viele Situationen und Augenblicke unverhofften Glücks!
    Wenn gutes Essen dazu beitragen kann: sehr schön. Für andere kann es irgendetwas völlig anderes sein. Das muss jede*r für sich herausfinden.

    Felix = lat. «der Glückliche». Nomen est omen? Ich glaube nicht, denn Glück ist flüchtig, muss immer wieder neu «eingeladen» und aufgebaut werden. Wie Nandalya schreibt, das Glück kommt nicht einfach so zu dir!

    Dass mich Nudeln glücklich machen können, weiss ich mit Sicherheit. Dies ist ein weiterer Aspekt, denn die Natur schenkt uns Glücksbotenstoffe: Serotonin & Co.!
    Die Chemie dieser Botenstoffe ist zwar durchaus ein Thema in einem foodblog, würde hier jedoch den Rahmen sprengen!

    «Das Glück im Hohlraum einer dicken Röhrennudel» – für mich eine sehr sinnige Definition, lieber Herr H.!
    Ich wünsche euch beiden weiterhin viele überraschende Glücksmomente,
    FEL!X

    • Danke für deine Gedanken zum Thema „Glück“, Felix!
      Das mit der Mitte ist so eine Sache. Meiner Erfahrung nach ist ein dauerhaftes Verweilen in ihr nicht möglich und auch nicht unbedingt erstrebenswert. Eher so eine Art „Pendeln“ zwischen den extrem unterschiedlichen Polen der „Persönlichkeit“. Und ja, das größte Glück lässt sich erstaunlicherweise in den kleinsten Kleinigkeiten finden. Für mich stecken viele solcher „kleinen“ Glücksmomente in einem gelungenen Essen (und natürlich auch viel Unglück, wenn es mal nicht so klappt, wie ich es mir vorgestellt habe… ;-)). Pasta ist jedenfalls für mich fast immer ein „Glücksgarant“.
      Liebe Grüße,
      Eva

  6. So schön zu lesen, liebe Eva 🙂
    Hab mir gerade heute gedacht, dass ich momentan recht glücklich bin. Hab in der letzten Zeit auch einiges angepackt/verändert, was sehr dazu beigetragen hat. Denn man ist wirklich auch selbst dafür verantwortlich und nur vom Jammern kommt bestimmt kein Glück.

    • Danke, Britta. Veränderung kann in der tat sehr „beglückend“ sein. Sie steht hier in mittelfristiger Zukunft auch unbedingt an, aber eben, gut Ding… 😉

  7. Eigentlich, ja, wirklich: Eigentlich wollte ich hier immer mal schreiben, dass Deine Rezepte auch deswegen einen Mehrwert erfahren, weil Du immer so eine klasse Einleitung schreibst. Ich muss sagen, das ist klasse, hin und wieder scheue ich mich nicht auch „große Kunst“ zu denken.
    Und es gibt Rezepte, die lese ich wegen der Einleitung (und nur deswegen) und es gibt Rezepte, die lese ich nur wegen des Rezepts und nehm die Einleitung halt so mit.
    Aber heute ….
    Nach langem Überlegen mache ich das so. Immer, wenn ich dieses Rezept kochen werde, werde ich Deine Einleitung vorlesen. Und da ich jetzt schon weiß, dass mich das in die unglaublichsten Gewissenszweifel stürzen wird – darf während des Vorlesens das Essen kalt werden; darf das Vorlesen ausfallen, damit das Esse nicht kalt wird, darf man den Gästen das Intro vorenthalten … – werde ich den Text einfach aufsprechen oder von C. aufsprechen lassen und in dem Moment abspielen, wenn die erste Gabel den Mund erreicht.
    Und es wird Stille am Tisch sein … und es wird so gut sein.

    • Danke, Bert. Deine Worte bedeuten mir sehr viel, da ich weiß, dass du ein sehr „literaturerfahrener und -afiner“ Mensch bist. 🙂 Ich weiß, dass ich noch Meilen von der Art zu schreiben entfernt bin, die ich anstrebe, aber ich bemerke, wenn ich sehr alte Einträge von mir noch einmal lese, dass es durchaus Entwickling gibt. „Der Weg ist das Ziel“. Auch beim Schreiben.
      Und warmes Essen ist defiinitiv wichtiger. Lasst es euch schmecken! 🙂

  8. Ich habe gelernt, mich an Zufriedenheiten zu orientieren als am ganz großen Glück. Ist auf die Dauer gesünder… zumal man sich über und an die kleinen (und größeren) Glücke/n trotzdem freuen kann. Wodkanudeln sind tatsächlich sowas. Vor allem: leicht gemacht, was meinem derzeitigen Beuteschema entspricht (Kommt ja zu nix, in neuer Stadt & neuem Job…).
    Habt ein wunderbares WE!

    • Meisterin des Ausdrucks! Ich hätte es nicht so gut auf den Punkt bringen können. 🙂
      Das Wochenende war herrlich und sehr arbeitsam. Wenn diese dann von Erfolg gekrönt ist, dann bin ich sehr zufrieden. 😉
      Genieß die neue Stadt!!!

  9. Ich unterschreibe bei nandalya.
    …aber Zufriedenheit wird unterschätzt, die muss ja nicht unbedingt Stagnation bedeuten. Ist sozusagen Glück im Kleinen, aber auch nicht von Dauer. Also jedenfalls bei mir. Eine Zeitlang bin ich zufrieden mit irgendetwas Bestimmten, aber danach muss es wieder weitergehen. Und Unzufriedenheit auf Dauer, brrr….das schafft unangenehme Zeitgenossen 😉
    Habe ich mich wirr ausgedrückt?
    Wie auch immer….eine Portion dieser Pasta würde mich für eine gewisse Zeit glücklich und zufrieden machen 🙂

    • Nein, nicht wirr. Ich kann meine Meinung diesbezüglich auch nur schwer in Worte fassen. Zufriedenheit ist auf jeden Fall wichtiger und nicht unbedingt leichter zu erlangen. Und auf Dauer wirkt sie eher lähmend. Deshalb schmeisse ich sie auch gelegentlich über Bord und wage mich aus der Komfortzone hinaus.

  10. Das Glück, das flüchtige, in Momenten wahrnehmbar, die Körpermitte nimmt es wohl zuerst wahr, sendet dementsprechende Botenstoffe aus- und daher ist es ganz natürlich ein geglücktes Essen Glücksgefühle aussenden zu lassen. Sehr schön, durchaus etwas zum Nachmachen und Inspirieren.

    • Und ich finde, dafür, dass es so überaus flüchtig ist, wird es zu wichtig genommen. Zufriedenheit ist generell viel wichtiger und ein gutes Essen kann sehr zufrieden machen. 🙂

      • Es liegt alles in der Wahrnehmung, oder? Wer in der lage ist das Glück im Moment wahrzunehmen wird doch viel leichter zufrieden sein mit dem was da ist anstatt dahin zu schielen wo was fehlt.

      • Auf jeden Fall. Wobei das Schielen nach dem „Besseren“ scheinbar eine menshcliche Grundeigenschaft ist und schwer abzulegen. 😉

  11. Glück liegt im Menschen selbst. Es kommt nicht einfach zu dir, der Mensch, du musst selbst für dein Glück sorgen. Und gutes Essen trägt bestimmt mit dazu bei, dass Herr H. und du zufrieden sind. Fazit: Das ist Glück. 🙂

    • Natürlich muss jeder für sein Glück sorgen. Ich habe wahrscheinlich nicht präzise genug formuliert. Mit dem „Glück“, dass einem „zufällt“, meine ich positive Dinge, die ohne unser Zutun einfach passieren. Die Fähigkeit, dieses „Glück“ dann auch zu empfinden liegt dann natürlich in uns. Oder so ähnlich. 😉

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