In memoriam

hühnerfrikassee 4Wahrscheinlich war die Nordsee schuld. Während Herr H. letzte Woche tapfer zu Hause geblieben war, gearbeitet und tatsächlich für sich selbst gekocht hatte – die Verwendung des edlen Lachses ist natürlich längst verziehen – weilte ich mit der Familie in Eiderstedt. Neben Kühen, Schafen, noch mehr Schafen und weiteren Kühen und Schafen gibt es dort auch die Nordsee. An den Rändern der Halbinsel eher unspektakulär hinter Deichen dümpelnd, direkt an der Westküste jedoch imposant über einen kilometerlangen und -breiten Strand regierend. Dort, entweder im Strandkorb windgeschützt oder im Sand liegend und den endlosen Geschichten der unfreiwilligen Nachbarn lauschend, fühlte ich mich um Jahrzehnte zurückversetzt. Es verging kein Sommer, an dem wir dem Meer nicht zumindest einen Tagesausflug abstatteten. Mit tiefblauen Lippen, bibbernd und bis auf die Knochen durchgefroren, waren wir nicht aus dem Wasser zu bekommen. Einziges Lockmittel: Eis und Pommes frites, die wir dann in Handtücher gewickelt leicht eingesandet hungrig vertilgten. Als Herr H. und ich am letzten Samstag, meiner Rückkehr, überlegten, was tun mit dem aufgetauten Huhn, produzierte mein Hirn ein sehr verlockendes Bild aus weiter, weiter Vergangenheit: Hühnerfrikasse. Wir machten uns sofort ans Werk und ich war enorm gespannt, ob ich es immer noch so lieben würde wie einst.

Für das Hühnerfrikasse:

  • 200 g Hühnerbrust oder -keule, gehäutet, in mundgerechte Stück geschnitten
  • 1 Zwiebel, grob gewürfelt
  • 1 Möhre, grob gestückelt
  • 1 EL Butterschmalz
  • Mehl zum Bestäuben des Fleisches
  • 75 g Weißwein
  • 200 g Geflügelfond
  • 75 g Sahne
  • 1 Lorbeerblatt
  • 125 g Champignons, blättrig geschnitten (idealerweise weiße)
  • 75 g Erbsen (etwas Butter zum Anschwitzen, 1 Pr. Zucker)
  • 4 Riesengarnelen, geschält
  • Meersalz, weißer Pfeffer
  • etwas Zitronenabrieb und -saft zum Abschmecken
  • 1 EL Minze und Basilikum, fein gehackt
  • Reis

zutaten hühnerfrikasse serieIch bin ziemlich sicher, dass das Frikasse meiner Kindheit nicht einmal annährend so elaboriert gewesen war. Vermutlich hatte es sich eher aus den Resten vom Suppenhuhn ergeben. Wir wollten das Gericht jedoch unseren heutigen Geschmacksvorlieben anpassen. Herr H. briet Zwiebeln und Möhren im Butterschmalz ca. 5 Minuten bei milder Hitze an, entnahm sie und briet danach die Hühnerstückchen darin an. Dann bestäubte er sie mit etwas Mehl, löschte mit Wein ab und ließ ihn etwa um die Häfte reduzieren. Ich goss den Fond an, gab das Lorbeerblatt hinzu und salzte leicht. Abgedeckt ließ ich alles ca. 45 Minuten köcheln. In der Zwischenzeit garte Herr H. die Champignons ohne Fett in der Pfanne, stellte sie beiseite und zerließ etwas Butter. Darin schwitzte er die Erbsen kurz an, gab einen Prise Zucker hinzu und ließ sie abgedeckt ca. 5 Minuten schmurgeln.

Nach der Garzeit goss ich den Inhalt der Pfanne durch ein Sieb, fischte die Hühnchenstücke heraus, aß die Möhrenwürfel und gab abgesiebte Flüssigkeit und Hühnchenwürfel zurück in den Topf. Herr H. goss die Sahne an und ich ließ die Flüssigkeit etwa um die Hälfte reduzieren. Dann band ich mit wenig in Wasser aufgelöster Pfeilwurzstärke, schmeckte mit Salz, Pfeffer, Minz-Basilikum-Mischung und Zitronenabrieb und -saft ab und fügte Erbsen und Champignons hinzu. Herr H. hatte derweil die Garnelen in wenig Olivenöl kurz gebraten und gesalzen. Ich dankte dem Reiskocher für seine Arbeit, richtete Reis und Frikasse auf vorgewärmten Tellern an und übte mich wieder einmal in Geduld.

hühnerfrikassee 2Fazit: Und wurde schließlich mehr als belohnt. Das Frikasse schmeckte mir absolut himmlisch. Das Huhn war butterweich, die Sauce ein Gedicht und die Garnelen ein willkommener Kontrapunkt. Wir aßen sehr, sehr langsam, schweigend und nachdem der letzte Rest Sauce vom Teller geleckt war, lehnten wir uns zufrieden zurück. Ich merkte an, dass mir das Frikasse noch viel, viel besser als erwartet geschmeckt hätte und Herr H. hatte ausnahmsweise nichts hinzuzufügen. Vielleicht sollte ich öfter einmal auf Erinnerungsreise gehen, sagte ich scherzhaft. Herr H. wägte kurz Vor- und Nachteile des Vorschlages ab und beschied schließlich, dass meine Anwesenheit im Hause H. letztlich wichtiger sei.

Rezept sehr frei nach: Johann Lafer

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26 Gedanken zu „In memoriam

  1. Pingback: Der Tag * | Durch die Zeit

    • Danke, Sandra. Herr H. hat das schon richtig verstanden. 🙂
      Und das war klar, dass dein Italiener so etwas mag, hoffentlich bekommt er es dann auch. 😉

      • Ganz so schnell nicht, denn für nächste Woche ist warmes Wetter gemeldet, da muss er definitiv an den Grill 😉

      • Grillen steht heute Abend hier auch an, freue mich schon riesig! 🙂 Schönes Wochenende!

  2. DIESE Frikassee würde ich auch nicht vom Teller schubsen – und gegen genau so einen Nordseeurlaub hätte auch ich nichts einzuwenden (bei uns hieß das Lockmittel damals Kuchen von der One-and-only-Inselbäckerei – jedenfalls, sofern die Möwen, die natürlich längst auf deren Einwickelpapier geeicht waren, was übrig gelassen hatten…). Wenn alles klappt, haben wir Anfang Oktober die Gelegenheit… auch wenn da an Schwimmen wohl nicht mehr zu denken ist. Aber im Zweifelsfall weiß ich jetzt ja, mit was ich uns wieder aufwärmen könnte…
    Herzliche Grüße!

    • Danke schön, hättest sogar einen Teller abbekommen. 😉
      Kuchen? Nee, ich plädiere dringend für Eis und Pommes, die lassen sich auch direkt am Strand besser essen.
      Und schwimmen kann man im Oktober durchaus noch, das Wasser kühlt sich ja viel langsamer ab als die Luft. Wohin soll’s denn gehen?
      Liebe Grüße,
      Eva

  3. Kindheitserinnerungen und Meer auch bei mir, allerdings italienisches Meer, das ist für uns näher als euer Meer, das ich zum ersten Mal im Jahr 2008 gesehen und bestaunt habe.

    Ich mag den trockenen Humor von deinem Herrn H. 😉

    • Danke, Susi, lässt Herr H. ausrichten.
      Und siehste. Dafür kenne ich das italienische Meer (bis auf eine Stippvistite auf einer Interrail-Tour vor über 20 Jahren in Ventimiglia) überhaupt nicht. Mal sehen, vielleicht können wir das im September ändern, ich recherchiere noch…

  4. Herr H. ist ein kluger Mann mit dieser ausgesucht, gewählten Antwort 😉
    Und – Hühnerfrikasse und Reis zähle ich zum „Seelenfutter“ und geht immer.

  5. Hühnerfrikassé! Das ist zwar keine Kindheitserinnerung, aber ich muss es trotzdem unbedingtvmall wieder machen. Ich habe noch Hühnerbrust in der Tiefkühle….. Jetzt weiß ich, wofür 😉

  6. Meine Worte seit Monaten: „Wir müssen mal Hühnerfrikasee machen!“ Jetzt habe ich ein weiteres Argument: „Und bei der Kochpoetin, da gibt es ein Rezept …“

  7. Wenn ein Hühnerfrikasse so sorgfältig zubereitet wird, ist es ein sehr, sehr schmackhafter Klassiker. Und der Herr H. hat Deine Abwesenheit nicht für ein Gentlemen’s Dinner ausgenutzt? 😉
    Liebe Grüsse aus Zürich,
    Andy

    • Danke, Andy. Ja, an so manchem Klassiker ist bei guter Zubereitung etwas dran. Und, nein, es fehlte ihm an Gentlemen. 😉
      Liebe Grüße aus Hamburg,
      Eva

  8. Meer, wie schön…. Hühnerfrikassee gibt es hier auch viel zu selten. Wobei,einmal, mit den Resten eines Zitronenhuhns nach Marcella Hazan- das war klasse! Und Kapern, und ohne Champignons. Garnelen, die werd ich mir merken. Und am Ende soll es wohl Anwesenheit heißen?

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