Der Memory-Effekt

estragon huhn 1Welches Kind liebt das Spiel mit den verdeckten Karten nicht? Ich weiß noch, dass ich seinerzeit häufig gegen Erwachsene spielte und fasziniert beobachtete, wie schwer es ihnen fiel, sich den Platz einer Karte zu merken. Während mein Stapel erfolgreich gefundener Paare wuchs und wuchs, konnten sie am Ende des Spiels meist nur einige wenige Paare vorweisen. Inzwischen bin ich in ihrer, aus meiner damaligen Sicht bedauernswerten, Lage. Riskiere ich heutzutage ein Spiel, ist das Verlieren sicher. Nun beobachte ich erstaunt, wie mühelos meine minderjährigen Herausforderer die Paare einstreichen, während ich oft völlig im Dunklen tappe. War der Ball nicht in der ersten Reihe an dritter Position gewesen? Fehlanzeige. Zum Glück ist es um mein Langzeitbildergedächtnis noch deutlich besser gestellt, so dass mir am Wochenende, als ich das aufgetaute Hühnerbein vor mir sah, sofort wusste, welches Schicksal es ereilen sollte. Es ist zwar schon eine Weile her, aber das Bild von Brittas/ Kamafoodra Estragonhuhn stand mir klar und deutlich vor Augen.

Für das Estragon-Huhn (2 ganze Beine oder 1/2 normalschweres Huhn):

  • 225 g Tomaten (1/2 Dose Kirschtomaten)
  • 3 EL Olivenöl
  • 1 Pr. Zucker, Salz, schwarzer Pfeffer
  • 1 kleine weiße Zwiebel, gewürfelt
  • 2 kleine Schalotten, fein gehackt
  • 3 frische Knoblauchzehen, angedrückt (ich: in feine Scheiben geschnitten)
  • 1/2 Huhn à 600 g (ich: 1 Bein und 2 Flügel)
  • 10 g Butter
  • 1 Lorbeerblatt
  • 2 Stängel Estragon
  • 12 g Estragonessig (ich: Weißweinessig + 1 Sternanis)
  • 50 g Weißwein
  • 150 g Gefügelfond
  • 1/2 TL Djionsenf
  • 1 TL Tomatenmark
  • 125 g Sahne
  • 125 g Champignons, blättrig geschnitten

huhn serieIch erhitzte ca. 2 EL Olivenöl mit der Butter bei mittlerer Hitze und briet die gesalzenen Hühnchenteile darin beidseitig goldbraun. Anschließend legte ich sie beiseite, reduzierte die Temperatur und schwitzte die Zwiebeln glasig. Nun gab ich Knoblauch, Lorbeerblatt, Sternanis und 1 Estragonzweig hinzu und goss Brühe und Essig an. Herr H. legte die Hühnchenteile zurück in den Bräter, schloss den Deckel und schob den Bräter für 20 Minuten in den auf 190°C vorgeheizten Backofen. Ich reduzierte in der Zwischenzeit die Tomaten mit 1 Pr. Zucker und Salz cirka auf die Hälfte und pürierte sie, bevor ich mit Pfeffer abschmeckte. Dann nahm Herr H. den Bräter aus dem Ofen, entfernte das Huhn erneut, goss die Garflüssigkeit durch ein feines Sieb und schwitzte die Schalotte in etwas Olivenöl glasig. Ich löschte mit Wein ab, gab Garflüssigkeit, Tomatenmark und Senf hinzu und ließ alles ca. auf die Hälfte einköchen. Herr H. rührte die reduzierten Tomaten, die Sahne und die trocken gebratenen Champignons* ein, schmeckte mit Salz und Pfeffer ab und legte die Hühnchenteile zurück in den Topf. Zugedeckt durfte er weitere 15 Minuten in den Backofen. Der Reiskocher hatte den Basmatireis inzwischen auf den Punkt gegart. Ich servierte das Huhn mit reichlich Sauce, Reis und abgezupften Estragonblättchen.

estragon huhn 10Fazit: Ein absolut fantastisches Sommer-Schmorgericht! Wir waren beide so restlos begeistert, dass wir zum Auftunken den restlichen Sauce noch zusätzliche Baguettescheiben hinzuziehen mussten. Ich bin sehr froh, dass ich mich nach ca. 2 Jahren noch so deutlich an dieses Rezept erinnern konnte. Das wird definitiv ein Standardgericht im Hause H. und beim nächsten Saatgutkauf muss ich unbedingt darauf achten, französischen Estragon zu kaufen. Meiner ist leider geschmacklich etwas schwach auf der Brust.

*champis braten serie

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28 Gedanken zu „Der Memory-Effekt

  1. Es soll ja nur heute schön sein und dann wieder regnen – perfektes Wetter für das Gericht. Mal schauen, ob ich im Hofladen noch ein schönes Hähnchen bekomme.

    Und mir fällt dabei direkt noch auf – Estragon fehlt bei meinen Kräutern. Muss ich dringend ändern 🙂

    • Ja, im Wetter ist dieses Jahr irgendwie der Wurm drin. Im Moment stört mich das allerdings weniger. Ich habe genug in der Küche zu tun. Umbauen, Herd und Kochfeld kennen lernen usw…
      Und ja, Estragon muss. 😉

  2. Ohhh, das Huhn, das seh ich jetzt erst, sorry, bin die letzten Tage nicht zum lesen gekommen 🙂
    Das kam mir die Tage auch gerade in den Sinn, weil mein französischer Estragon gerade ins Unermessliche wächst.
    Danke für die Erinnerung, das gibt es bei mir auch sehr bald!

    • Das macht dochts, Britta. Ich habe dir zu danken, weil du das Huhn so in Szene gesetzt und beschrieben hast, dass ich mich selbst 2 Jahre später noch daran erinnerte – und ein wenig beneide ich dich um deinen wuchernden Estragon… 😉

  3. Ein tolles Rezept, wir lieben Hühnchen und Estragon!!
    Zum Estragon: bei uns auf den Märkten etc. gibt es meistens nur den s.g. Russischen Estragon zu kaufen, ich finde, da kann ich fast gleich Gras nehmen. Ich hatte den herrlich nach Anis duftenden Französischen Estragon bei der Kräutergärtnerei Rühlemann bestellt http://www.kraeuter-und-duftpflanzen.de/ Die Auswahl dort auch von anderen Kräutern ist genial, und alle in der Zwischenzeit dort bestellten Stauden sind angewachsen.
    Meine zwei Estragon-Stauden habe ich bestimmt schon 10 Jahre in meinen Garten stehen. Ich schneide sie im Herbst herunter und sie treiben im Frühjahr immer wieder prächtig aus ohne größere Düngerzugaben.Ich habe sogar für meinen Freundeskreis mit dem Spaten einen kleineren Teil meiner nun großen Pflanzen abgestochen, und sie haben diesen Estragon in ein größeres Kübel gepflanzt, wo er auch prächtig gedeiht!

    • Danke, Marianne. Auch für den Tipp. Dort werde ich mir meine Kräuter im nächsten Jahr bestellen. Für dieses Jahr sind die Kästen voll und ich habe leider weder Balkon noch Garten. Aber falls es irgendwann einmal dazu kommen sollte, gibt es für mich kein Halten mehr. 🙂

  4. Das Rezept gefällt mir ausgesprochen gut, Eva! Ich liebe ja Estragon, aber genau wie du, haben wir keinen französischen im Garten und der schmeckt lahm. Habe ich vorher nicht gewusst. Kann man den französischen auch im Topf kaufen?
    Liebe Grüße Maren

    • Danke, Maren. Ich habe den Estragon selbst gezogen. War eine Saatgutscheibe, leider stand nichts Näheres zur Sorte drauf. Ich werde es nächste Woche mal auf dem Markt probieren. Ihr habt doch sicher auch so einen Kräuterstand auf dem Markt?
      Liebe Grüße,
      Eva

  5. Das freut mich, dass du dich an das Rezept erinnern konntest, denn das klingt so nach „unbedingt nachkochen müssen“ – vor allem habe ich jetzt endlich französischen Estragon, der tatsächlich ein ganz anderes Kaliber ist als der deutsche/russische. Und meinem Mann kann ich seit Neustem ausgelöste Oberschenkel vorsetzen, also steht dem Nachkochen nichts mehr im Weg!

    • Ja, so klang das damals auch für mich, nur hatte ich partout keine Estragonquelle. Und du hast ja sogar den guten.:-) Und wie schön, dass dein Mann endlich auf den Geschmack gekommen ist!

  6. Mein Nachwuchs hat mich auch immer abgezockt…..und tut es heute noch.
    Aber das Huhn merke ich mir, bestimmt. Ich gehe gleich mal schauen, ob die Schmecken was übrig gelassen haben von meinem Erstragon 🙂

  7. Das erste Spiel geht meist noch, aber dann….. puh! Und dafür nutzt die Lebenserfahrung garnix, die Karten sind immer neu gemischt. Allerdings zum Merken von persönlich wichtigen oder interessanten Dingen, da ist die Lebenserfahrung durchaus hilfreich. Und für köstliche Hühner…..

    • Ich scheitere inzwischen schon beim ersten Spiel und ganz schlimm sind auch Namen von Schauspielern, Filmen und Musikern… Aber solange ich Brot und Brötchen aus dem Kopf zusammenbringe, mache ich mir keine Sorgen. 😉

  8. Bei uns gab es damals praktischerweise einen Glastisch im Wohnzimmer… wir Kinder haben Telefon- oder Türklingeln natürlich niiie ausgenutzt… 😉 (Nicht, dass das nötig gewesen wäre – denn wie Du schreibst: Memory-Effekt bzw. Kinder- vs. Erwachsenenhirn. Gibt es dazu schon wissenschaftliche Untersuchungen?).
    Hühnchen soll es heute auch geben, allerdings eher in einer Nebenrolle.

    • Wow, einen Glastisch hatten wir nicht, nur den Teppich auf dem Fußboden. Auch so eine Sache. Die Erwachsenen konnten nie lange auf dem Boden sitzen – schon komisch. 😉
      Dein Nebenrollenhuhn gefällt mir, weißt du ja schon. 🙂

  9. Kinder, Erwachsene auch, lassen sich schnell ablenken. Nimm den Hütchen-Trick. Sofern der Spieler nicht schummelt, ist das total leicht. Aber zugegeben muss man das schon üben. Karate-Meister, haben ein Auge für Kleinigkeiten. Mir half und hilft Karate daher auch im Alltag, um scheinbare Kleinigkeiten zu erkennen. Und jetzt gehe ich kochen. Wobei ich ja angeblich immer unter Dampf stehe 😉

    • Den Hütchen-Trick? Den kenne ich nicht. Aber auf Kleinigkeiten achte ich schon. Das Memorieren wird, wie alles einfach Übungssache sein.
      Ich hoffe, es gab etwas Leckeres bei euch! 🙂

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