Der vom Himmel fiel

roast beef 2Die beste Nachbarin hatte sich für Dienstag Abend zum Essen angekündigt. Herr H., der seine Chance witterte, da sie ebenfalls eine große Schwäche für die traditionelle deutsche Küche hat, schlug vor, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und einen rheinischen Sauerbraten zuzubereiten. Der sollte laut Rezept am besten zwei Tage in seiner Marinade verbringen. Ich nahm das Bratenstück am Sonntagabend aus dem Kühlschrank, in dem es die Nacht zum Auftauen verbracht hatte, wickelte es aus und legte es auf einen Teller. Herr H. begutachtete das gute Stück und rief sogleich entsetzt aus, dass das auf GAR KEINEN Fall ein Bratenstück aus der Schulter sei! Das sei defintiv ein Roastbeef und somit viel zu schade, um in einen Sauerbraten verwandelt zu werden. Ich zuckte ratlos die Schultern, da ich leider immer noch kein großer Fleischexperte bin. Aber ein kurze Recherche im Netz bestätigte seine Aussage. Was tun? Es war zwar schon halb acht, aber wieder einfrieren konnten wir das Prachtstück nicht. Bei Petra /Chili & Ciabatta fand ich eine wunderbare Garanleitung, allein die Zeit. Es nützte nichts. Wie vertrösteten unsere Mägen auf später und legten los.

Für das perfekt gegarte Roastbeef:

  • 1 Stück Roastbeef (vom Jungrind), ca. 750 g
  • Salz, schwarzer Pfeffer
  • Butterschmalz zum Anbraten

fleisch serieIch heizte den Backofen auf 120°C vor (und durfte feststellen, dass er nach einer guten Stunde tatsächlich diese Temperatur hält, alles eine Frage des Timings), legte ein Küchengitter auf eine flache Auflaufform und schnitt die Fettschicht des Roastbeefs kreuzweise ein. Ich salzte es kräftig und briet es von allen Seiten in heißem Butterschmalz an, ca. 2 Minuten pro Seite. Dann legte ich es auf das Gitter und schob die gewagte Konstruktion in den Backofen. Das Fleisch soll schlussendlich eine Kerntemperatur von 55°C haben. Da ich kein Einstechthermometer habe, stellte ich den Timer zunächst auf 60 Minuten, da mein Stück nur etwa halb so groß war wie Petras. Und da wir nun ohnehin warten mussten, überredete ich Herr H. zu Roberts Kartoffelpüree-Experiment.

Für das Kartoffelpüree der besonderen Art:

  • 500 g Kartofffeln (ich: Linda), in ca. 2cm große Würfel geschnitten
  • Kartoffelschalen (vor dem Schälen gut gesäubert)
  • 170 g Milch
  • 70 g Butter
  • Salz, schwarzer Pfeffer, Muskat

pü serieIch kochte 1 l Wasser auf, stellte zwei ineinander passende Schüssel bereit und gab die Kartoffelwürfel in die kleinere. Ich bedeckte sie mit ca. 80°C warmen Wasser und stellte sie in die größere Schüssel, die ich ebenfalls mit ca. 80°C warmen Wasser gefüllt hatte. Nach 30 Minuten, das Wasser der inneren Schüssel hatte tatsächlich noch 72°C, kühlte ich die Würfel unter fließend kaltem Wasser vollständig ab. Dann kochte ich sie in Salzwasser gar, was noch erstaunliche 20 Minuten dauerte. Herr H. hatte inzwischen Milch und Kartoffelschalen aufgekocht und sie 15 Minuten ziehen gelassen. Nun entnahm er die Schalen und kochte die Milch mit Butter, Salz, Pfeffer und Muskat erneut auf. Ich gab die Kartoffelwürfel durch die Presse und anschließend zweimal (!) durch ein feines Sieb in die heiße Milchmischung. Dann schlug ich das Püree mit dem Handrührer kräftig auf und siehe da, es kleisterte tatsächlich nichts. Das fertige Püree stellte ich warm.

Für den Limetten-Rosenkohl:

  • ca. 300 g Rosenkohl (TK)
  • 1 winzige Schalotte, fein gewürfelt
  • 1 rote Chili, fein gehackt
  • 1 winziges Stück Ingwer, fein gehackt
  • ca. 50 g Noilly Prat
  • 1 TL Limettensaft
  • Salz, weißer Pfeffer, frisch gemörsert
  • eine Prise Pomeranzenabrieb

rosenkohl serieAuch bei diesem Gericht befand ich den im Winter allgegenwärtigen Rosenkohl als passend. Robert hatte etwas von der Verbindung mit Limette erwähnt, also bastelte ich mir ein solche zusammen. Ich dämpfte die tiefgekühlten Rosenkohlröschen in 8 Minuten knapp gar, halbierte oder viertelte sie anschließend und zerließ etwas Butter in der Pfanne. Darin schwitzte ich die Schalotten farblos an, gab Ingwer, Chili und Rosenkohl hinzu und löschte mit Noilly Prat ab. Nachdem er fast vollständig einreduziert war, würzte ich mit Salz, weißem Pfeffer, Pomeranzenabrieb und Limettensaft. Nicht übel. Auch der Rosenkohl durfte in der Wärme rasten. Das Roastbeef hatte nach 70 Minuten exakt 55°C Kerntemperatur. Ich wickelte es in Folie und ließ es vor dem Aufschneiden noch 20 Minuten im ca. 50°C warmen Ofen rasten. Der Anschnitt offenbarte ein durch und durch rosafarbenes, saftiges Fleisch. Sagenhaft!

roast beef 1Fazit: Das war wahrlich ein vom Himmel gefallenes Festessen! Mein erstes Roastbeef zudem und dank der wirklich guten Anleitung habe ich es auf Anhieb perfekt hinbekommen. Das überirdisch cremige, zarte Kartoffelpüree war ein würdiger Begleiter, wenn wir noch mehr Muße gehabt hätten, hätte es wahrscheinlich noch eine Sauce dazu gegeben, aber auch so war es ein Gedicht. Die Hälfte des fertig gegarten Roastbeefs fror ich ein und servierte sie gestern mit Burgundersauce und Linsenschnitten, auch nicht übel, aber die erste Kombination wird uns sicher noch lang im Gedächtnis bleiben.

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43 Gedanken zu „Der vom Himmel fiel

  1. Pingback: Rosige Zeiten | Kochpoetin

  2. Dein feines Essen seh ich erst heute – das hätte mir in dieser Kombination auch geschmeckt, wobei ich die Zubereitung dieses Pürees gerne anderen überlasse 🙂 Und klasse, dass du mit dem Roastbeef zufrieden warst, der Dank gebührt hier allerdings Herrn Schuhbeck 😉

    • Mein Standart-Rezept für Kartoffelpüree wird das sicher auch nicht, aber probieren will ich schon (fast) alles. 😉
      Der Dank gebührt insofern dir, als du es öffentlich gemacht hast. Dein Rezept hat uns an dem Abend wirklich „gerettet“, danke noch einmal!

  3. Genau nach diesem Roastbeef-Rezept von Petra gibt es das bei uns auch immer, etwas anderes probiere ich nicht mehr aus. Es ist, wie immer bei Petra, gelingsicher.
    Roberts Kartoffelpüree und der Limetten-Rosenkohl stehen bei mir noch auf der Liste, wobei das Kartoffelpüree heute schon dran kommt.

    • Wie gesagt, ich scheine das Rezept als Letzte entdeckt zu haben, aber ich hatte auch noch nie ein Roastbeef im Haus… 😉
      Ich hoffe, du berichtest über das Püree, Sabine?

  4. Phh, die beste Nachbarin hab ich doch schon 😀
    Das sieht mal wieder wunderbar aus liebe Eva. Und obwohl ich jetzt gerade vom Essen komme, macht mir der Teller tatsächlich schon wieder Appetit 😉

  5. Und hier fallen nicht einmal Wiener Würstchen vom Himmel! Ich sollte wohl auswandern. 😉

    Toll schaut das Roastbeef aus und den Rosenkohl mit Limette kann ich mir absolut nicht vorstellen, muss ihn also testen. 🙂

  6. So ein Roastbeef könnte bei mir auch mal vom Himmel fallen 😉
    Schaut wirklich großartig aus. Ich liebe ja die Rest auf Sandwich… Ich sollte dringend mal wieder Roastbeef machen, jetzt wo ich gerade auf dem Toastbrot-Trip bin!

    Und ich gebe zu – der Kartoffelbrei wäre mir zu aufwändig. Lohnt sich der Aufwand? Schmeckt es soviel besser?

    • Wer weiß, immer schön die Augen offen halten. 😉
      Und auf Toast mit Remoulade, einfach herrlich!
      Das Püree ist aufwendig, das stimmt, ständig mache ich das sicher auch nicht, aber der Unterschied ist schon gewaltig und ich finde, dass es sich gelohnt hat!

    • Ja, es fühlte sich auch leicht seltsam an, an einem normalen Sonntag zu etwas zu speisen. 🙂
      Nein, der Ofen ist noch der alte, um den neuen müsste ich mich ja kümmern… 😉

      • Naja, auch ein normaler Sonntag ist ein Sonntag. Früher gab es doch das Sonntagsessen, das ist uns irgendwie abhanden gekommen.
        ….und das mit dem kümmern verstehe ich. Wenn die alten Dinger nicht grade kaputt sind, dann eilt es ja nicht.

      • Stimmt, Sonntagsessen waren eigentlich eine feine Sache. Mal sehen, vielleicht führen wir sie einfach wieder ein. 🙂
        Und das mit dem neuen Herd werde ich auch bald angehen…

  7. Ohja, das cremige Pü steht auch auf meiner Liste! Gut zu wissen, dass es tatsächlich so gut klappt! Und die Kombination von Rosenkohl und Limette muss ich mir unbedingt merken. Leider ist Rosenkohl eins der Dinge… Du ahnst, wie diese Satz endet? Richtig: …die ich allein essen muss, weil Monsieur lange Zähne macht.

  8. Meine Welt – gefällt mir sehr !
    Das Roastbeef-Rezept von Petra ist unschlagbar, der Limetten-Rosenkohl ist als weitere Variante „abgekupfert“. Besten Dank für die Inspiration (und die RB-Bestätigung) !

    • Danke schön. Petras Rezept scheint ja allen außer mir bestens bekannt gewesen zu sein, ich Nachzügler. 😉
      Der Rosenkohl war klasse, kann ich nur empfehlen!

  9. Oh, da hätte ich mir doch auch gerne eine Serviette umgebunden und mich an den Tisch gesetzt! Als Festessen taugt doch Roastbee ohnehin viel besser als Sauerbraten 😉 Was ich unbedingt ausprobieren will, ist die Idee, die Kartoffelschalen in der Milch zu kochen. Sinnvolle Restenverwertung 🙂

  10. Unverhofft kommt oft – aber wenn es dann so prima wird. Gratulation.
    Warum hast du die 2. Hälfte eingefroren, wenn du sie doch am nächsten Tag schon gegessen hast. Ist das ein besonderer Trick?

    Zum „Nichtgemachten Rheinischen Sauerbraten“ eine Frage:
    machst du ihn mit Pferdefleisch?
    Grüßle – Irene

    • Danke, Irene. Gekocht hatten wir am vorvergangenem Sonntag, anderthalb Wochen waren mir für einen Kühlschrankaufenthalt dann doch zu lang. Deshalb habe ich ihn eingefroren.
      Pferdefleisch? Wird er traditionell aus welchem gemacht? Ich habe keine gute Quelle, also, nein.
      Liebe Grüße,
      Eva

      • Ja, Eva, das Originalrezept des Rheinischen Sauerbratens ist mit Pferdefleisch gemacht.
        Viele Menschen scheuen sich, es zu kaufen. Warum? Es ist auch nicht anders, als wenn ich das Fleisch anderer Tiere esse.
        Allerdings hast du absolut Recht, man sollte eine gute Quelle haben, und die habe ich.
        Übrigens: Wenn ein Mensch an Stoffwechselstörungen erkrankt ist, und mit Fleisch Probleme hat, dann ist Pferdefleisch das absolut Richtige! Es hat auch längst nicht mehr das „Geschmäckle“, das man ihm früher nachsagte. Meine Familie hat es nicht erkannt, als ich es auf den Tisch brachte.

      • Danke für die Info, Irene. Das wusste ich nicht. Ich hätte kein Problem damit, Pferdefleisch zu essen, wenn es, wie du sagst, aus einer vernünftigen Quelle kommt. Bislang habe ich eine solche leider nur für Rindfleisch. Immerhin. 🙂

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