Ein später Fund

steckrübensuppe 6Die knapp dreißigjährige Suche hat endlich ein Ende gefunden. So lange habe ich gebraucht, um das Rezept für den Lieblingseintopf meiner Kindheit zu finden. Steckrübeneintopf. Wenn ich damals aus der Schule kam, achtete ich immer darauf, nicht auf die Fugen zwischen den Pflastersteinen des Gehwegs zu treten. Gelang das bis zur Toreinfahrt, so hatte ich einen Wunsch frei, der zumindest in meiner Erinnerung sehr oft in Erfüllung ging. Und ein häufiger Wunsch in der dunklen Jahreszeit war eben der besagte Eintopf. Ich habe wirklich nichts unversucht gelassen. Mutter und Großmutter hatten leider keine klare Erinnerung an Ur-Oma Mariechens Rezept. Und alle weiteren Rezepte, die ich ausprobierte, waren ganz OK, aber eben nicht so. So fantastisch wie der Erinnerte. Kürzlich stolperte ich über ein weiteres Rezept von einem norddeutschen Koch. Die Liste der Zutaten war überschaubar, ob es sinnvoll wäre, das Rezept zu testen? Herr H. gab wie üblich den Impuls zum Handeln. Der Eintopf klänge super, den wolle er pronto haben.

Für den Steckrübeneintopf (die Menge erscheint üppig, reicht aber wirklich nur für 2 Personen, ich konnte es auch kaum glauben):

  • 1 mittelgroße Zwiebel, fein gehackt
  • Butterschmalz (oder Schweineschmalz zum Anbraten)
  • 300 g Steckrübe (nach dem Schälen gewogen), in 1cm große Würfel geschnitten
  • 300 g Möhren, in nicht zu dünne Scheiben geschnitten
  • 300 g Kartoffeln (nach dem Schälen gewogen), in 1cm große Würfel geschnitten
  • 1 Lorbeerblatt
  • 1 TL Zucker
  • ca. 500 g Gemüsebrühe
  • 150 g Kohlwurst (oder geräucherter Speck), in 1cm große Würfel geschnitten
  • 1 EL Senf
  • 2 EL Crème fraîche
  • Salz, schwarzer Pfeffer
  • 1 TL Weißweinessig nach Belieben
  • Petersilie, fein gehackt, nach Belieben

zutaten serieWährend Herr H. das Gemüse rüstete, schwitze ich die Zwiebeln in Butterschmalz bei schwacher Hitze glasig. Dann erhöhte ich die Temperatur, ließ sie kurz mit dem Zucker karamellisieren und gab das restliche Gemüse hinzu, dass ich unter Rühren einige Minuten kräftig anbriet. Herr H. warf das Lorbeerblatt in den Topf, salzte und goss die Brühe an, so dass das Gemüse komplett bedeckt war. Ich legte den Deckel auf und ließ den Eintopf 1 Stunde bei schwacher Hitze köcheln. Danach gab ich die Kohlwurst hinzu und ließ sie noch ca. 20 Minuten mitköcheln. Gibt man sie direkt zu Beginn des Kochvorgangs zu, wird der Eintopf zu rauchig, da Kohlwürste meist kräftig geräuchert sind. Verwendet man Speck, kann man ihn gleich zu Beginn anbraten und mitschmoren. Als der Eintopf fertig gegart war, nahm ich einige Kellen mit vielen Kartoffelstückchen (ohne Wurst) ab und pürierte sie gemeinsam mit Senf und Crème fraîche. Ich gab sie wieder zurück in den Topf, so bekommt der Eintopf eine schöne sämige Konsistenz, schmeckte noch einmal mit Salz, schwarzem Pfeffer und Essig ab und gab die Petersilie hinzu. Vielversprechend.

steckrübensuppe 1Fazit: Als ich in Ruhe probierte, konnte ich feststellen, dass dieser Steckrübeneintopf dem aus meiner Erinnerung sehr, sehr nah kommt. Vielleicht hatte Ur-Oma Mariechen statt Petersilie etwas gehackten Liebstöckel dazu gegeben und wahrscheinlich ein Schlückchen Maggi. Das durfte ja nirgends fehlen. Aber insgesamt habe ich nun „mein“ Rezept gefunden.Was mich etwas überraschte, war, dass der Trick wieder einmal im Weglassen bestand. In früheren Versuchen hatte ich für den Eintopf zusätzlich Lauch, Knollensellerie und derlei benutzt. Das braucht es aber tatsächlich nicht. Auch Herr H. war schwer angetan und verlangte eine regelmäßige Wiederholung, die ich ihm nicht verweigern werde.

Frei nach: Heimat: Kochbuch Tim Mälzer (von dem ich ansonsten nicht besonders angetan war)

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48 Gedanken zu „Ein später Fund

  1. Ur-Oma Mariechen wäre bestimmt begeistert :-). Die Konsistenz jedenfalls sieht schon mal fantastisch aus. Ich mache das bei Gemüse-Eintöpfen auch sehr gern, dass ich einen Teil davon püriere, mal mit Butter, mal mit Sahne, und das hebt ungemein. Und den erwähnten Liebstöckel könnte ich mir auch sehr gut als Zusatz zu diesem tollen Rezept vorstellen.

    • Danke, Claudia. Vielleicht hat sie mir ja beim Kochen über die Schulter geguckt. 😉 Etwas Butter mitzupürieren ist auch eine hervorragende Idee! Und nächstes Mal wird Liebstöckel getestet. 🙂

  2. Liebe Eva, in meiner Kindheit gab es auch gelegentlich eine herrliche Steckrübensuppe. Meine Eltern kochten Rindfleisch mit Steckrüben, Kartoffeln, Möhren, Zwiebeln und ein wenig Knoblauch. Die Suppe wurde leicht gebunden mit sehr wenig Mehl (war also wirklich noch flüssig). Ich kann Deine Sehnsucht danach gut nachvollziehen, habe mich immer auf diesen feinen süßlich-erdigen Geschmack der Steckrüben gefreut! In meiner Studienzeit hab ich sie dann oft vegetarisch gekocht: 1 kg Steckrübe plus Gemüse reicht für 3 große Mahlzeiten, sehr lecker und kostet fast nichts! Dir einen schönen Tag! Lg

    • Liebe Bettina, wenn ich es recht überlege, kann es auch gut sein, dass in dem Eintopf meiner Ur-Oma gekochtes Rindfleisch drin gewesen sein könnte. Aber wie das leider so ist mit den Erinnerungen, sie verändern sich mit den Jahren, werden immer schwerer greifbar. Ich werde auf jeden Fall noch eine vegetarische Variante dieses Eintops basteln. 🙂
      Liebe Grüße,
      Eva

  3. Liebe Eva,
    wir haben Steckrüben erst kürzlich für uns entdeckt – eine wahre Wonne an nassfeuchten und ungemütlich-kalten Tagen. Da kam dieser Eintopf wie gerufen – und durch Deine kleinen, aber maßgeblichen Änderungen des Originals ein Leckerbissen!
    Dank und herzliche Grüße aus dem Steckrübenland Schleswig-Holstein,
    Sandkorn

    • Danke, Sandkorn. Soo viele Änderungen habe ich ja gar nicht vorgenommen. 😉 Was mir allerdings schleierhaft ist, ist, wie man in Schleswig-Holstein wohnen kann und Steckrüben bis vor Kurzem ignorieren konnte. 😉
      Liebe Grüße,
      Eva

      • Ich hatte immer die Erzählungen meiner Großmütter im Ohr: Steckrüben = Krieg = Hunger. Aber zum Glück ändern sich Vorlieben und manchmal sogar Vorurteile im Lauf der Zeit…
        Sandkorn

  4. Haha, ich musste gerade über den letzten Satz lachen. Mit geht es genauso – ich bin nicht wirklich angetan von Tim Mälzer, aber wenn ich mal ein Rezept von ihm zubereite – es schmeckt immer.

    Die nächste Steckrübe ist schon für das Wochenende bestellt, da werde ich vor Weihnachten mal noch Deinen Eintopf versuchen. Ich bin schon gespannt 🙂

    • Ich habe gar nichts gegen Herrn Mälzer, im Gegenteil, ich bewundere sein Medien-Talent und seine Fähigkeit zur Omnipräsenz – und das schon seit Jahren! Die Rezepte sind meist solide, aber eben auch nicht besonders spannend. Da spicke ich doch lieber bei Ottolenghi. 😉
      Und den Eintopf kann ich dir wirklich nur empfehlen, schmeckt bestimmt am nächsten Tag noch einmal doppelt so gut, glaube ich, bei uns ist ja leider nie etwas übrig geblieben…

    • Danke, Henne. Ja, die beiden sind sich sehr ähnlich. Und ebenfalls ja, Eintopf mit Wurst geht (in der kalten Jahreszeit) immer. Herr H. liegt mir shcon seit Woche in den Ohren mit Erbsensuppe, bislang weigere ich mich standhaft. 😉

      • Du kannst ihn ja „reinlegen“ 😉 Er träumt wahrscheinlich von einer gehaltvollen Erbsensuppe aus getrockneten Erbsen mit Eisbein oder geräucherten Würsten- Du hingegen servierst eine grasgrüne Erbsensuppe aus TK-Erbsen, aufgeschäumt mit Champagner und gekräutert mit Minze, Salbei oder Thai-Basilikum. Wenn er brav war, dann gibt’s für den Crunch einen Speck-Crouton ansonsten vegetarische Wasabi-Nüsschen. Frohe Weihnachten!

      • Ich fürchte, auf die Art ließe sich Herr H. nicht reinlegen und sicher wird er irgendwann einmal eine Erbsensuppe nach seiner Fasson bekommen. Wir handhaben das durchaus demokratisch und manchmal hat er Oberwasser und manchmal ich. 😉
        Ich wünsche dir auch schöne Weihnachtstage!
        Liebe Grüße,
        Eva

  5. Richtig währschaft und bestimmt schweinelecker – und das ohne Firlefanz !
    P.S. „… nicht besonders angetan war“ – vom Buch oder vom Koch ?

    • Währschaft, in der Tat. 🙂 Herrliches Wort!
      Nicht angetan vom Buch. Außer dem Eintopf war eigentlich nicht viel Interessantes (für mich) darin, aber das ist natürlich immer Geschmackssache. Und Herr Mälzer besitzt auf jeden Fall ein ähnlich großes „Medien-Talent“ wie Herr Lafer. 😉

  6. Steckrüben sind etwas, das bei uns nie gegessen wurde in meiner Kindheit. Ich hab generell den Eindruck, dass die in Deutschland öfter vewendet werden als in Österreich. Man kann sie hier auch nur sehr selten kaufen. Ich muss ehrlich gesehen, dass ich zwischen vielen Rüben nicht unterscheiden kann.
    Die Menge klingt jedenfalls gewaltig!

    • Ja, bei den Rüben scheint es eine Nord-Süd-Grenze zu geben. Ich habe Geschichten darüber gehört, dass hier während der Kriege (1 + 2) fast alles aus Steckrüben gemacht wurde. Sie sind halt robust und leicht anzubauen. Mit den vielen anderen Rübenarten kenne ich mich auch nicht so besonders gut aus, aber man muss ja auch immer etwas „Neuland“ aufheben. 😉
      Und die Menge? Ich hätte nie gedacht, dass wir das schaffen würden, aber in kürzester Zeit war alles weg…

    • Ja, sehr. Ich habe das damals bei dir gar nicht so wahrgenommen, wahrscheinlich, weil der Steckrübeneintopf aus meiner Kindheit immer stückiger war, vielleicht war die Ur-Oma zu faul zum Stampfen? 😉

  7. Bei mir ist das das Reisfleisch…ich bin nah dran, aber noch nicht ganz.
    Nach Herrn Mälzer wurde diese Woche bei mir gekocht. Ich hatte etwas Angst vor dem Buch…..jetzt muss ich mal in mich gehen….aber erst gibt es noch den Labskaus, davor habe ich auch Angst 😉

  8. ja, so manchmal… zwar hab ich keinerlei Erfahrung mit Steckrüben; aber dem einen oder andren Eintopf bin ich auch noch nicht auf die Spur gekommen. Hammel mit grünen Bohnen! Rindfleisch, Tomate, breite Nudeln!. Also, es bleibt noch zu tun…

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