Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack

steckrüben 9Steckrüben mochte ich schon immer. Seltsam eigentlich, da sie sich im Allgemeinen keiner großen Beliebtheit erfreuen und da ich als Kind ansonsten allem, was auch nur entfernt als vitaminhaltig und gesund eingestuft werden konnte, konsequent aus dem Weg ging. Wenn ich jedoch aus der Schule heimkehrte, den kohlartigen, würzigen Duft, der aus dem Küchenfenster quoll, wahrnahm, beschleunigte ich sofort den Schritt. Es würde Steckrübensuppe geben, eine Spezialität meiner ostpreußischen Urgroßmutter. Leicht süßen, cremigen, dickenflüssigen Eintopf mit zarten Kasslerstückchen. Einfach unwiderstehlich! Leider verstarb besagte Urgroßmutter zu früh, bevor ich das Interesse am Kochen fand und sie um das Rezept bitten konnte. Großmutter und Mutter konnten in der Rezeptfrage auch nicht weiterhelfen. Ich war untröstlich und machte mich auf die Suche, wohl wissend, dass es schwierig werden würde, zumal ich mich nicht mehr 100%ig an den Originalgeschmack erinnern kann.

Für das Kassler:

  • ca. 350 – 400 g Kassler Nacken oder Kotelett
  • 1/2 Zwiebel, ungehäutet
  • 2 Lorbeerblätter
  • je 10 Pfeffer- und Pimentkörner
  • ca. 500 g Wasser

kassler serieIch gab das Kassler mit den Gewürzen in einen Topf, bedeckte es knapp mit Wasser und ließ es ca. 40 Minuten sanft köcheln. Dann nahm ich das Fleisch heraus, stellte es auf einem Teller beiseite und gab die Flüssigkeit durch ein Sieb. Sie dient als spätere Kochflüssigkeit für die Suppe.

Für den Steckrüben-Spinat-Graupen-Eintopf:

  • 1 kleine Steckrübe, ca. 400 g, geschält, gewürfelt
  • 100 g Gerstengraupen, mindestens eine Stunde in kaltem Wasser eingeweicht
  • 1 mittlere Möhre, in Scheiben geschnitten
  • 1 Stückchen Knollensellerie, geschält, gewürfelt
  • 1/2 Zwiebel, geschält, gewürfelt
  • 150 – 200 g Blattspinat, falls Tiefkühlware, aufgetaut, gut ausgedrückt
  • 50 g Weißwein
  • ca. 500 g Fleischbrühe
  • etwas frischer Ingwer, feinst gerieben
  • Salz, schwarzer Pfeffer
  • fertig gegartes Kassler, gewürfelt

zutatenserieIch schwitzte die Zwiebel glasig an und ärgerte mich darüber, schon wieder nicht einkalkuliert zu haben, wie lange das dauert. Etwa 10 Minuten kann man schon rechnen, wenn man Zwiebelwürfelchen bei milder Hitze galsig schwitzt, bis sie süß und mild werden. Als die Würfel endlich fertig waren, gab ich Steckrübe, Möhre und Sellerie hinzu, schmorte sie einige Minuten an und löschte mit Weißwein ab. Nachdem er nahezu verdunstet war, gab ich die abgespülten Graupen hinzu und bedeckte alles mit der Brühe. Nun durfte die Suppe ca. 45 Minuten köcheln. So genau kann man das nicht sagen. Die Steckrübenwürfel sollten recht weich und die Suppe durch die Graupen gebunden sein. Als es soweit war, würzte ich die den Eintopf mit Salz, schwarzem Pfeffer und etwas geriebenem Ingwer (den meine Urgroßmutter ganz sicher nicht verwendet hat), gab Spinat und Kasslerwürfel hinein und ließ alles noch einige Minuten köcheln. Fertig und Glück gehabt. Herr H. kam erst verspätet nach Hause, manchmal bin ich der Deutschen Bahn tatsächlich dankbar. Er machte sich sogleich ans Fotografieren.

steckrüben 2Fazit: Dieser Steckrüben-Eintopf hat zwar so gar nichts mit dem nur verschwommen erinnerten meiner Kindheit gemein, ich werde weiterhin suchen müssen. Dennoch erfreut er sich seit Jahren großer Beliebtheit im Hause H. In der dunklen Jahreszeit steht er mindestens einmal pro Monat auf dem Tisch und leuchtet sonnengelb und fröhlich. Den Ingwer habe ich aus einer Eingebung heraus zum ersten Mal hinzu gegeben. Er verlieh dem eher deftigen Eintopf eine erfrischende Leichtigkeit, die uns sehr gefiel. Wer mag, kann den Eintopf mit etwas Crème Fraîche verfeinern. Meine war leider aus.

Steckrübeneintopf4Das Rezept schrieb einst Herr H. aus einem Buch in unser persönliches Kochbuch ab. An die Quelle kann er sich nicht mehr erinnern. Ich bitte den oder die Autorin um Vergebung.

Advertisements

22 Gedanken zu „Auf der Suche nach dem verlorenen Geschmack

    • Gern, Cheriechen. Winterglück??? Der ist ja zum Glück noch nicht in Sichtweite. Aber fies, weil lichtarm, ist die Zeit dennoch, manchmal wünschte ich, ich wäre ein Bär und könnte diese Zeit komplett verschlafen. 😉
      Liebe Grüße,
      Eva

  1. Mmmh, solche deftigen Sachen sind genau meins! Und auf Kassler hätte ich auch mal wieder Lust. Die Liebe zu Steckrüben habe ich allerdings noch nicht so richtig entdeckt – mir schmecken sie entweder zu sehr nach Kohl (dann esse ich lieber gleich Kohl) oder zu nichtssagend. Vielleicht gebe ich ihnen in so einem Eintopf noch mal eine Chance. Das richtige Wetter haben wir ja dafür.

    • Meins auch. 🙂
      Ich finde, dass Steckrüben gerade nicht so stark nach Kohl schmecken, mit dem ich mich recht schwer tue.
      Für das richtige Novemberfeeling ist es allerdings noch ca. 7°C zu „warm“…

  2. Steckrüben gehören nicht wirklich zu meinen Freunden, aber andererseits schaut dein Eintopf extrem verführerisch aus, also könntest du mich durchaus zu einem rüblichen Versuch verleiten.

    Sind Kassler eigentlich nur schwach geräuchert? Bei uns schaut das Geselchte (=geräuchertes Schweinefleisch) in der Regel dunkler aus und meine Vorstellung ist, dass das durch das Räuchern unterschiedliche Farben hat.

    • Danke, Susi. Mir geht es so mit sämtlichen Kohlsorten und ich bin auch immer sehr dankbar, wenn mir jemand irgendwie Rotkohl und Co. schmackhaft machen kann. 😉
      Wie stark oder schwach das Kassler hier geräuchert ist, weiß ich nicht. Es schmeckt auf jeden Fall geräuchert. Vielleicht liegt es auch eher am Heiß- oder Kalträuchern, dass das Fleisch seine Farbe verändert? Ich werden den Schlachter beim näcsten Mal löchern!

  3. Steckrüben haben sie bei uns auf dem Markt, ich hatte sie bisher noch nicht eingepackt – sollte ich dringend ändern. Für Suppe und Eintöpfe bin ich immer zu begeistern 🙂 Und Euer Steckrüben-Eintopf sieht ganz wunderbar aus, wirklich sehr schöne Farben.

  4. Die ältere Generation erinnern die Steckrüben leider immer an den Krieg 😦 da spielen wohl auch viele Emotionen mit…
    ich selbst mag sie ziemlich gern, mache sie aber selten selbst, die gibt es oft in dem Vegi-Restaurant wo ich mittags oft esse.

    • Ja, wahrscheinlich. Obwohl meine Urgroßmutter den durchaus noch miterlebte und von Ostpreußen fliehen musste. Das scheint ihr den Appetit auf Steckrüben nicht verdorben zu haben. Ich glaube, es ist eher das „Arme-Leute-Image“, das ihnen anhaftet. Auf die meisten wirken sie wohl zu frugal. 😉

    • Ich auch, nur muss ich manchmal ein wenig suchen.
      Die Bekanntschaft mit Steckrüben kann ich nur wärmstens empfehlen. Das wäre dann auch eine Gelegenheit, um mal wieder Kassler zu essen. 😉

    • Das habe ich schon öfter gehört, komisch eigentlich, wo alles andere an Nahrungsmitteln quer durch die ganze Welt geschippert wird. Steckrüben sind auf jeden Fall kalsse und sehr wandlungsfähig!

  5. Geschmäcker prägen sich in unsere Erinnerungen ein und verbinden sich mit Handlungsweisen, die wir ohne diese Düfte und Aromen schon vergessen hätten. Für mich war es der Bratapfel, von denen einige Exemplare den ganzen Winter durch im Ofenrohr warteten verspeist zu werden. Der Bratapfel war das große Erlebnis, wenn es draußen knackig kalt war, die Finger und Zehen trotz stiefel und Handschuhe froren. Wenn ich dann ins Haus kam und den Duft auf sog, wusste ich, jetzt wird es warm, jetzt bin ich geborgen. Ich kann Dich gut verstehen.
    Liebe Grüße
    Gerd

    • Bratäpfel wiederum gab es bei uns gar nie. Da waren es im Winter eher die selbst gebackenen Kekse, der Geruch nach Zimt und Orangen. Und es stimmt, sie Geruchs- und Geschmackserinnerung prägt sich am tiefsten ein. Das war für die menschliche Entwicklung wahrscheinlich sehr wichtig.
      Liebe Grüße,
      Eva

    • Danke, Robert. Zum Glück konnte mir der Duden helfen. 😉
      Ein Steckrübenpüree, allerdings gratiniert, steht auch noch auf meiner Liste. Ich aß es einst an Thanksgiving in Nova Scotia und habe es in bester Erinnerung!

  6. Wie gut, dass du den Geschmack gefunden hast. 🙂 Aber Spaß beiseite, so manches Essen heute schmeckt nach … nichts! Hast du gewusst, dass wir in Deutschland in Sachen Gemüse oft nur „Abfall“ bekommen? Der Grund ist einfach, die Supermärkte wollen billig sein und der Deutsche wenig Geld investieren. Franzosen, Engländer etc., geben alle mehr Geld für Gemüse aus und bekommen somit auch 1. Wahl.

    • Ich habe ihn ja gar nicht gefunden, aber egal. 😉
      Gemüse, das nach nichts schmeckt? Kenne ich gut. Es kommt meist aus Spanien. Zum Glück können wir unsere Kaufentscheidungen immer noch selbst treffen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s