Auf der Jagd nach Neuem-Altem

kirschtarte 14Der Mensch giert nach Neuem. Das war schon immer so und auch, dass alles schon einmal da war. In einem anderen Gewand, aber im Prinzip gleich. Wir scheinen auf der Stelle zu treten. Ich könnte an dieser Stelle über die Absonderlichkeit der fortwährenden Kriege philosophieren, aber das überlasse ich lieber den Historikern oder den Politikern. Dies hier ist schließlich ein sogenanntes Foodblog. Also mache ich mich, wie alle anderen, auf die tägliche Jagd nach Neuen-Alten und werde doch tatsächlich bei der Lektüre eines Rezepts kalt von hinten erwischt. So geschehen am Montag. Und das an einem Ort, an dem ich überhaupt damit nicht gerechnet hätte. Sellerie-Kirsch-Tarte mit Spinat. Wie jetzt? Der olle Knollensellerie soll eine lustvolle Liäson mit süffigen Sauerkirschen und sperrigem Spinat eingehen? Nee. Das geht doch nicht. Oder?

Für den Würzmürbeteig (20er Tarteform):

  • 153 g Weizenmehl 405er
  • 3 g Salz
  • 73 g Butter
  • 20 g schwarze (oder helle) Sesamsaat, geröstet
  • 3 g Koriandersamen, geröstet
  • 3 g Schwarzkümmelsamen, geröstet
  • ca. 30 g Milch

mürbeteig serieDer Teig im Originalrezept war mir zu fad. Zum Glück erinnerte ich mich an den phänomenellen Mürbeteig von einst und modelte ihn kurzerhand den Bedürfnissen entsprechend um. Ich röstete Sesam, Koriander und Schwarzkümmel ohne Fett, bis sie zu duften begannen und gab sie nach kurzem Abkühlen in den Zerkleinerer, der ohne zu murren feines Pulver aus der winzigen Menge machte. Das gab ich gemeinsam mit Butter, Mehl und Salz in eine Schüssel, verknetete es kurz von Hand zu Bröseln und goß die Milch an. Nach minimalem Kneten ergab sich ein wunderbar glatter Teig, den ich zwischen Folie auf 24cm ausrollte (ca. 4mm dünn). Ich legte den Teig über die gebutterte Form, passte ihn ein und schnitt den überstehenden Rand mit dem Messer glatt ab. Aus den Resten kann man Cracker backen. Dann stach ich den Boden mit der Gabel ein und fror die Form für eine knappe Stunde ein. Anschließend buk ich den Boden 15 Minuten bei 190°C vor und ließ ihn abkühlen.

Für den Belag:

  • 200 g Knollensellerie in Würfeln (geschält gewogen), 2 Minuten blanchiert, eiskalt abgeschreckt
  • 100 g TK-Spinat, aufgetaut, ausgedrückt
  • 125 g TK-Sauerkirschen, aufgetaut, abgetropft
  • 1, 5 EL Honig
  • 1 EL Acetato Balsamico

kirschen serie 2Während Herr H. zum zweiten Mal Knollenselleriewürfel blanchierte, warum, das ist eine andere Geschichte, kochte ich den Honig auf, gab die Sauerkirschen hinein und ließ sie kurz karamellisieren. Dann löschte ich mit dem Essig ab, ließ sie abkühlen und siebte die Flüssigkeit zur anderweitigen Verwendung ab. Herr H. drückte den Spinat sanft aus und stellte die Zutaten für den Guss, liebevoll „Peeke“ genannt, bereit.

Für die „Peeke“/ den Guss:

  • 75 g Ziegenfrischkäse
  • 75 g Milch
  • 1 Ei
  • 1 Pr. Salz, schwarzer Pfeffer
  • 1 TL Honig
  • 2 Zweige Bergbohnenkaut, gerebelt

peeke serieEr gab alle Zutaten in den schmalen Messbecher und pürierte sie zu einer feinen Creme. Ich nahm die Tarteform, legte Selleriewürfel, Spinat und Kirschen gleichmäßig verteilt ein und goß den Guss darüber. „Peeke“ beinhaltete im Norddeutschen die Konnotation von einer schmierigern, klebrigen Substanz. Manche behaupten, ein gewisser Schmutzaspekt sei auch dabei. Das sehen wir nicht so. Für uns ist „Peeke“ eine zähflüssige Angelegenheit im Nahrungsmittelbereich, die dazu dient, nicht Bindendes zu verbinden. Peeke halt. Das Originalrezept sieht 2 Eigelb und 1 Ei auf gut 200 g Flüssigkeit vor. Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass 1 Ei gut 150 g Flüssigkeit (wie Joghurt) bestens beim Backen bindet, reduzierte ich die Eimenge resolut. Was soll man auch immer mit dem ganzen übrigen Eiweiß?

füllen serieIch schob die Tarte in den knapp 200°C warmen Backofen und lehnte mich nach dem Aufräumen entspannt zurück. Was gibt es Schöneres als ein Ofengericht! Nach ca. 40 Minuten entnahm ich die Tarte. Zumindest roch sie viel versprechend. Herr H. lichtete sie wie üblich pflichtschuldig ab, dabei konnte sie auf Genusstemperatur abkühlen. Skeptisch gabelte ich die Spitze des Stückchens auf.

kirschtarte 6Fazit: Mein Jagdinstinkt hatte mich auf die richtige Spur geführt. So abstrus die Kombination von Sellerie, Kirschen und Spinat klingen mag, so köstlich schmeckte sie. Meine Mürbeteigmanipulation tat das übrige. Wir verputzen die ganze Tarte in weniger als einer halben Stunde und hatten darüber tatsächlich den Salat vergessen, den es noch dazu geben sollte. Das war nicht weiter schlimm.

Belag inspiriert von: Kochen für Freunde Johann Lafer

 

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42 Gedanken zu „Auf der Jagd nach Neuem-Altem

  1. Gestern abend habe ich gleich die doppelte Rezeptmenge produziert, voller Vertrauen auf den guten Geschmack. Was soll ich sagen: super! EIGENTLCH sollte die zweite Tarte eingefroren werden, aber mit dieser Idee konnte ich mich nicht durchsetzen, also wird heute noch einmal im Genuss geschwelgt.
    Vielleicht lag es daran, dass ich nur gehackten TK-Spinat hatte, aber die Spinatmenge würde ich erhöhen, hatte Sesam statt Mohn im Teig, und ich brauchte die deutlich mehr Tunke.
    Vielen Dank für das tolle Rezept!
    P.S.: Was hast du noch mit der restlichen Kirsch-Honig-Essig-Flüssigkeit angestellt? Ich muss leider gestehen, dass ich sie gierig zur Überbrückung der Backzeit weggelöffelt habe,

    • Danke für das positive Feedback, Johanna. Es freut mich immer sehr, wenn meine Rezepte gut ankommen. 🙂
      Die Kirsch-Honig-Flüssigkeit steht noch bei uns im Kühlschrank. Weiß noch nicht, was ich damit machen werde.

  2. Ich find die Kombination hört sich gut an, aber ich mag ja auch karamellisierter Bacon mit Schokoladenüberzug 😉 Leider mag die andere Hälfte überhaupt keine Kirschen, also werd ich mich mal an eine single-version versuchen…
    Liebe Grüße

  3. Sellerie, Spinat und Ziegenfrischkäse mag ich sehr gerne, Kirschen sind okay – aber auf diese Kombination wäre ich sicherlich nie gekommen! Wobei ich fruchtiges mit deftigem zusammen sehr mag 🙂

    Da sag mal einer was über die Fernsehköche – können doch was 😉

    • Wie, Kirschen sind „Ok“? Kischen, richtig gute Kirschen (also nicht so welche eingefrorene) sind der Oberhammer. Finde ich jedenfalls. Aber dafür warrn wir leider in der falschen Jahreszeit. ich plädiere sowieso für die Abschaffung des Winters. 😉
      Und ja, das Buch birgt tatsächlich noch weitere schöne Anregungen, dabei sieht es von der Aufmachung her wirklich fad aus… 🙂

  4. Die Kombination muss wohl versucht haben, um sich darunter wirklich etwas vorstellen zu können. Mir zumindest fällt es gerade etwas schwer 😉 Sieht aber in jedem Fall klasse aus! Und auf solche ungewöhnlichen Rezept-Kombinationen stehe ich ja sowieso 😉

    • Danke Marco. Der Witz ist ja eigentlich, dass ich mir die Kombination auch partout nicht vorstellen konnte (im „Geschmackvorstellen“ bin ich eh keine besondere Leuchte). Deshalb musste ich es ja ausprobieren – und es war soo gut, zu blöd, dass ich keinen Teig vorbereitet habe…

    • Diese Zusammenstellung klingt hingegen für mich arg gewöhnungsbedürftig, zumal ich mich noch genau an den Geschmack dieser Dosenkirschen erinnere. 😉
      Dann doch lieber etwas aufgerüschter.

  5. Stimmt. Klingt nach geht gar nicht 🙂 Und dann sieht es doch so aus, als ob es ginge. Sollte ich mal ausprobieren, um mal wieder mit Obst im Essen zu experimentieren, was nicht grade ein Hobby von mir ist….
    ….und eine neue Vokabel habe ich auch gelernt 🙂

  6. Das klingt tatsächlich extrem verwegen!
    Und wegen des Mürbteigs: Da sind wir ganz einer Meinung. Bei mir kommt mittlerweile fast in jeden Mürbteigboden ein Gewürz rein. Normaler „Nur“-Mürbteig ist zwar okay, aber besser find ich ihn, wenn man ihn aufmotzt.

    • Es klingt aber auch wirklich nur so. Geschmeckt hat es absolut nicht „wild“.
      Und den Ausschlag zum gewürzten Mürbeteig hat dein „Tarte Tango“ Rezept gegeben. Ein wenig Würze gibt ihm das gewisse Etwas. Wobei ein hervorragender Mürbeteig natürlich in anderem Zusammenhang durchaus allein stehen kann. 😉

  7. Dein Mut möchte ich haben. Das das schmeckt, glaube ich erst, wenn ich probiert habe. Wenn ich jetzt gleich den ICE nach Hamburg nehme, wäre ich gegen 17.30 Uhr da!
    Liebe Grüße
    Toettchen

    …. ach ich komm ja dann nicht mehr zurück. Bahnstreik. Hab ich wieder einmal Pech gehabt.

    • Ich bin sicher, du hast mehr Mut als ich! Wir haben übrigens ein Schlafsofa im Wohnzimmer, das wäre also kein Problem. 🙂 Oder du musst die Henne überreden, dass sie sie dir backt.

  8. DEn Mutigen gehört die Welt, oder? Zumindest der optische Eindruck ist klasse, schmecken würde mir das mit Sicherheit auch- ob ich allerdings so experimentierfreudige Mitesser auftreiben kann? Fraglich…

  9. Wow, ob ich den Mut zu diesem Belag gehabt hätte…..aber ich vertraue da blind deinem Urteil, wurde ich doch auch schon des öfteren überrascht, was alles so mit einander harmoniert!

    Der Teig mit den Gewürzen gefällt mir auch sehr gut!
    Durch das Einfrieren ersparst du dir das Blindbacken??

    • Danke, Eva. Aber lieber nicht blind vertrauen, dazu sind Geschmäcker einfach zu verschieden. Obwohl du ja gern „Ostkuchen“ magst, es käme auf einen Versuch an.
      Und ja. Damit erspare ich mir das leidige Blindgebacke. Der Teig zieht sich, wenn er gefroren ist, wie man sieht, nicht zusammen und schlägt auch keine Blasen. Ich backe inzwischen alle meine Mürbeteige so. Ganz entspannt. Wichtig ist allerdings, dass man den Boden vor dem Einfrieren gründlich „löchert“, sonst kann es doch ein Bläschen geben.

    • Danke schön! Manchmal ist der ganze Input aber auch wieder so riesig, dass es mir schwer fällt, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn oft ist ja weniger mehr. Aber in diesem Fall eben nicht. 😉

  10. Ach, Eva, das klingt großartig! Mit Knollensellerie habe ich mich inzwischen einigermaßen anfreunden können, und die Kombination – nicht zuletzt mit dem Ziegenfrischkäse in der Peeke (ein herrliches Wort 😀 – wobei ich’s intuitiv eher mit einem e geschireben hätte, wie auch hier: http://mundmische.de/bedeutung/1932-die_Peke) – macht die Sache nur interessanter. Mal schauen, ob ich hier – es schifft gerade in eienr Tour – alles Nötige auftreiben kann. Unter Dein Präludium gehört sowieso nur ein bestätigender Punkt.
    Habt’s bestens!

    • Danke schön. 🙂 Auch wenn’s keiner glauben mag, die Kombination war wirklich gut, kann ich dir nur ans Herz legen! Hier hat es heute morgen auch so sehr geregnet, dass ich das Tempotraining auf Morgen verschoben habe. Von mir aus könnten Winter einfach ersatzlos gestrichen werden – oh, es ist erst Herbst… 😉
      Die Peeke resultiert aus dem Versuche, das wort lautmalerische wiederzugeben, bei uns eben mit langen friesischen „ee“. 🙂
      Und ich hoffe, du hast’s auch gut!!

      • Och, ich kann nicht klagen: Hier hat’s über Nacht überraschend geschneit, sodass meine heutige Tour einem Regenwaldlauf glich – alles, was über mir hing, hat getropft wie nichts Gutes. Und kalt isses geworden! Aber umso gemütlicher ist es in unserem kleinen Palästchen… 😀

      • GESCHNEIT???? Ich hoffe, dass es das hier noch lange, lange nicht tun wird. 😉 Schön, dass du es dennoch genießen kannst. 🙂

    • GE-NI-AL! Kerl und ich sind uns in Sachen Sellerie (ausnahmsweise) sehr einig (= gern in Bolo und Fond, sonst… nej tak!) – und hier war das nicht anders: Wir können uns keine idealeren Partner (mehr) vorstellen als Kirschen und Spinat. Das war richtig, richtig lecker! Und noch schöner: selten eine Quiche-Rezeptur gehabt, deren Mengenverhältnisse besser gepasst hätten :)!

      • Oh, das freut mich! Ich versuche, die Mengen genau ss anzugeben, wie sie bei uns gepasst haben, da ich mich in Kochbüchern ständig mit abstrusen Mengenangaben herumärgere. Und Sellerie? Hm, ich muss gestehen, ich mag ihn tatsächlich auch außerhalb der üblichen Verwendungen. Aber eben, Geschmackssache, wie immer. 😉

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