Pesto, ein generischer Begriff?

scallops 5Auf der Suche nach einem schnellen last minute Abendessen, stieß ich kürzlich auf ein Rezept für Pasta mit Zitronen-Fenchel-Pesto. Und stutzte. War Pesto nicht ein „geschützter“ Begriff für eine ungekochte, im Mörser zerstoßene Sauce mit, je nach Herkunft, einer ganz bestimten Auswahl von Zutaten? Ich recherchierte ein wenig, erfuhr, dass ich mit meiner Vermutung richtig gelegen hatte, aber auch dass „Pesto als generischer Begriff auf alle pastosen Produkte anwendbar ist„. Generischer Begriff? Hm. Dieser Ausdruck überforderte mein unterzuckertes Hirn komplett. Ich erinnerte mich nur daran, dass ein generisches Medikament X die gleichen Wirkstoffe wie ein Produkt A einer bestimmten Firma mit einem bestimmten Namen enthielt. Ein generischer Begriff enthielte somit die gleiche Bedeutung wie der „Orginalbegriff“, sei aber nur ein Ersatzbegriff oder wie jetzt. Herr H. machte mit seinem Erscheinen meiner Grübelei ein rasches Ende, solche Fragen seien jetzt nicht zielführend, und wir bereiteten flink das Abendessen.

Für das Zitronen-Fenchel-Pesto:

  • 25 g Mandeln, gehäutet, gemahlen
  • 1/2 Zitrone, filetiert (ich reibe die Schale vorher ab und hebe sie auf)
  • 1 kleine Fenchelknolle, grob gehackt
  • 1 kleine, wilde Fenchelknolle, grob gehackt (ich: weg gelassen, wachsen im Mittelmeerraum, ich habe hier noch keine zu Gesicht bekommen. Stattdessen: 1 Prise Fenchelsamen, gemörsert)
  • ca. 15 Minzblättchen
  • ca. 12 große Basilikumblättchen
  • 1 TL Salzkapern, gewässert
  • Olivenöl
  • Meersalz

pesto serieHerr H. stellte alle Zutaten bereit. Ich holte den großen Zerkleinerer vom Küchenschrank, entstaubte ihn und füllte zunächst mit Fenchel und Zitronenfilets. Mir war zwar nicht ganz klar, warum die Zitronen vor ihrer Atomisierung noch filetiert werden mussten, aber ich hielt mich brav daran. Nach kürzester Zeit verwandelte sich alles zu einer cremigen Masse. In diese gab ich die restlichen Zutaten und pürierte sie ebenfalls glatt. Im Buch stand, die fertige Sauce sähe aus wie Haferbrei. Das kam hin. Deshalb gab es im Buch wahrscheinlich auch keine Abbildung des fertigen Gerichts.

Für das Finish:

  • Strozzapreti, Menge nach Belieben (ich: Maccheroni)
  • Zitronen-Fenchel-Pesto
  • Jakobsmuscheln oder andere Meeresfrüchte, nach Belieben
  • etwas getrocknete Orangenschale, gemahlen

zutaten serie 1Während Herr H. sich um die Pasta kümmerte, versuchte ich mich daran zu erinnern, wann ich zum letzten Mal eine Jakobsmuschel gegessen hatte. Selbst zubereitet hatte ich definitiv noch keine. Herr H. zuckte auch bloß mit den Schultern. Das müsse damals in Nova Scotia gewesen sein. Als „scallops“ bekommt man sie dort quasi an jeder Ecke zu moderaten Preisen. Anders als hier. Als ich den Preis für das Dutzend gesehen hatte, hätte ich mich fast gegen den Kauf entschieden. Aber Herr H. bestand darauf. Man lebe schließlich nur einmal. Ich befreite die Muscheln, tupfte sie trocken und erhitzte etwas Olivenöl. darin briet ich sie beidseitig kurz an und bestreute sie anschließend mit Salz und etwas gemahlener Orangenschale. Herr H. hatte derweil die Maccheroni mit dem Pesto vermengt. Fertig.

scallops 4Fazit: Zwei schnelle Bilder später senkten wir erwartungsvoll unsere Gabeln. Hm, die Jakobsmuscheln schmeckten genauso gut wie ich sie in Erinnerung hatte. Warum hatte ich bloß vorher nie welche erstanden? Die Fenchel-Zitronen-Pasta war überraschend frisch und leicht. Nachdem wir den ersten Hunger gestillt hatten, fragte ich Herrn H., ob man das Gericht, dass seinen Ursprung angeblich in Sizilien habe, noch als traditionelles italienisches Gericht bezeichnen könne, da es doch in der Zubereitung so gar nicht mehr traditionell sei und zudem in einem amerikanischen Kochbuch stünde. Aber er winkte nur ab, verputzte rasch den Nachschlag und richtete seinen Blick begierig auf meinen noch halbvollen Teller. Seufzend verschob die Klärung des generischen Begriffs und etwaiger Traditionfragen und füllte stattdessen meinen Magen.

Aus: Pasta Modern – new and inspired recipes from Italy Francine Segan

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32 Gedanken zu „Pesto, ein generischer Begriff?

  1. Fenchelpesto klingt sehr interessant, da kann ich bestimmt beim Italiener mit punkten. Und beim Schwiegervater (Sizilianer) kann ich gerne mal nachfragen, ob er schon mal etwas davon gehört hat 😀

    Ich war schon oft überrascht, was mir da so aufgetischt wurde… Am meisten überrascht war ich sicherlich, als es Pasta mit Kartoffeln und Sauce gab 🙂

    • Danke, Sandra. Stimmt, du sitzt ja an der Informationsquelle. 🙂
      Pasta mit Kartoffeln und Sauce? Mit Kartoffeln gefüllte Pasta kenne ich, aber deine Variante ist mir neu…

  2. Dein unorthodox-generisches Pestogericht sieht sehr lecker aus. Und wenn du mal „all you can eat“ Jacobsmuscheln essen willst, komm einfach nach Maine. Unsere Scallops sind berühmt für ihre Grösse und ihren guten Geschmack (versuch sie mal mit Pernod-Sahnesauce!).
    Und was das Generische angeht: hierzulande heisst alles, was aufgespiesst dargereicht wird „Scampi“. Es gibt Chicken-Scampi, Lobster Scampi, Scallop Scampi und, natürlich, vor allem auch: Shrimp Scampi 🙂

    • Danke, Karin. Das Angebot nehme ich gern an. Wir haben sie, wie gesagt, in Nova Scotia zum ersten MAl kosten dürfen, also weiß ich, wovon du sprichst. 🙂
      Und das mit den Scampi, sehr seltsam…

  3. Ich kann mir den Geschmack gut vorstellen, und für mich als Fenchel-Liebhaber wäre dieses Pesto super, nur gibt es hierzulande nur ganz ganz selten Fenchel.
    Nun zum Aber: Ein „pesto“ aus der Maschine ist für mich seit kurzem kein richtiges Pesto mehr, nämlich seit ich ein Rucola Pesto im Mörser zerstossen habe. Unwahrscheinlich der Unterschied im Geschmack, Welten, oder Tag und Nacht. Aus dem Mörser kommt der Tag.

    • Zu schade, dass es so wenig Fenchel bei euch gibt. Auch keine „Ersatzpflanzen“ mit ähnlichem Geschmack?
      Ich stimme dir gern zu, dass ein im Mörser zerstoßenes Pesto um Längen besser schmeckt, nur ist mein Mörser nicht besonders groß und bis ich portionsweise eine ganze Fenchelknolle zerstoßen hätte, wäre ich wahrschienlich schon verhungert. 😉

      • Hier ist der Mörser so wichtig, dass wir nebat anderen auch einen sehr grossen haben, für die gestampften Salate, da hätte eine gehackte Fenchel leicht Platz.

      • Das kann ich mir gut vorstellen. Vielleicht, wenn ich mal mehr Platz habe, schaffe ich mir auch so einen „Trumm“ an. 🙂

  4. Egal, was ein generischer Begriff nun wirklich ist, dein Essen klingt fantastisch! Ist das ein perfektes Sommerabendessen oder täusch ich mich? Ich seufze ja fast schon beim Lesen.

    • Danke, Andy. Hin und wieder muss ich als sparsamer Preusse allerdings Einhalt gebieten, damit wir auch Morgen noch etwas zu essen haben. 😉
      Liebe Grüße aus Hamburg,
      Eva

    • So scheint es zu sein. Kürzlich las ich von einem „Steinpilz-Carpaccio“. Roh dünn aufgeschnitten, mit Vanille-Vinigrette beträufelt – es gibt Dinge, die muss ich nicht ausprobieren. 😉

  5. Pesto oder nicht – jedenfalls fein!
    Und dein Artikel ließ mich grinsen…..die Stelle mit dem Foto im Kochbuch 🙂
    Na, nicht alles was gut aussieht schmeckt auch gut. Und dein Pesto sieht gut aus und schmeckt bestimmt gut, da hast Du den Foodstylisten etwas voraus.

    • Danke, Susanne.
      Ja, an solchen Stellen werden sie gern vorausschauend weg gelassen. Immerhin war die Beschreibung ehrlich. 😉 Das Fotokompliment leite ich mal direkt an Herrn H. weiter. 🙂

      • Grmpf. So einen Herrn H. könnte ich auch manchmal brauchen; besonders jetzt, wo es wieder früher dunkel wird. Gestern abend war es zu meinem Schrecken stockeduster, als ich fertig war…..

      • Wir sind eigentlich mit zwei Blitzen im Slave-Modus recht Licht unabhängig und inzwischen kann ich sogar die große Kamera auch bedienen, aber wenn ich am machen bin, vergesse ich oft das ein oder andere Bild. Da ist es einfacher, wenn wir zusammen „arbeiten“. 🙂
        Herr H. ist leider nicht duplizierbar…

  6. Solche Fragen kläre ich – wenn möglich – auf eine ganz einfache Weise: Ich befrage das etymologische Lexikon oder den Duden, woher das Wort kommt. Bezeichnet es eine Speise, die zwingend an bestimmte Zutaten gebunden ist, dann verwende ich es nicht „generisch“. In diesem Fall ist die Sache klar: Pesto kommt von „pestare“ = zerstoßen. Damit steht einer generischen Verwendung nichts im Wege. 😉
    Und im Übrigen liest sich dein Pesto sehr lecker!

    • Danke, Antje.
      Die von dir genannten Bücher standen auch lange Zeit an meinem Arbeitsplatz. Irgendwann wurde mir allerdings die Staubschicht zu dick und sie mussten „ausziehen“. Deine Erklärung finde ich gut, wobei mir immer noch nicht klar ist, was generisch in diesem Zusammenghang bedeutet. Aber man muss ja auch nicht alles verstehen. 😉

      • Generisch verstehe ich als „verallgemeinernd“. Also in diesem Fall darf alles, was nach ähnlichem Prinzip wie das Original-Pesto fabriziert wird, auch so heißen. Während Carpaccio z.B. eindeutig nur dieses eine Originalrezept meint und deshalb eigentlich nicht verallgemeinernd gebraucht werden dürfte. „Carpaccio“ ist also kein generischer Begriff. Oder so. 😉

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