Ciciones oder Zen in der Nudel

CicionesDie Idee von der handgeformten, kleinen Nudel geisterte durch meinen Kopf, seit ich bei Sybille die “fregola sarda” gesehen habe. Kleine Sachen üben eine seltsame Faszination auf mich aus. Aber wie es immer so ist, es kommen tausend andere Sachen, z.B. Ravioli, dazwischen. Die Idee geisterte im Verborgenen weiter. Bis gestern. Durch einen seltsamen Zufall landete ich auf der Seite von Hank Shaw und blieb eine ganze Weile dort hängen. Schade, dass es in Deutschland so aufwändig ist, einen Jagdschein zu machen. Von der Rubrik “Pasta” erwartete ich nichts Weltbewegendes. Da sah ich sie, kleine, runde, leuchtendgelbe Kugeln aus Hartweizengrieß, Ei und Safran. Und der “dasmussichunbedingtsofortausprobieren-Reflex” trieb mich in die Küche.

Für den Pastateig:

  • 150 g Semolina di Grano duro rimacinato
  • 1 Ei Gr. L
  • 1 Pr. Safran in 2 TL warmen Wasser aufgelöst
  • 1/2 TL Olivenöl
  • evtl. etwas Wasser, der Teig soll eher elastisch sein

Ich knetete den Teig ca. 10 Minuten von Hand und ließ ihn abgedeckt für 3 Stunden ruhen. Zeit, um ein wenig zu recherchieren. Das Wort cicione existiert im italienischen nicht. Es gibt nur ciccione, mit der Bedeutung der Dicke, Dickwanst, Fettkloß. Nicht besonders passend oder vielleicht doch, denn laut Hank sollen die kleinen Kügelchen sehr sättigend sein und wenn man zuviel davon isst. Auch die Bilder der Google-Suche deuten darauf hin, dass der übermäßige Verzehr dieser Kugeln verhängnisvoll sein kann. ;-) Als Name für Pasta konnte ich keine Entsprechungen finden. Vielleicht eine amerikanisch-italienische Erfindung? Wie auch immer. Viel wichtiger war die Frage, was dazu? Grüne Kichererbsen konnte ich so schnell nicht auftreiben. Also ein Ragú.

Für das Lammragú:

  • 180 g Lammhack
  • 1 Schalotte, gewürfelt
  • 1 Knoblauchzehe, gehackt
  • 1 Pr. brauner Zucker
  • 1 rote Spitzpaprika, gewürfelt
  • 1 kleine, schlanke Aubergine, gewürfelt
  • 1 Schluck Rotwein
  • 1 EL Tomatenmark
  • Salz, Pfeffer, 1 Lorbeerblatt, zwei getr. Salbeiblätter
  • 1 Handvoll Erbsen

CicionesIch briet zunächst das Hack an, gab dann Zwiebeln, Knoblauch und das Gemüse dazu. Eine Prise Zucker, einen Schluck Rotwein, einkochen lassen. Gewürze, Tomatenmark, etwas Wasser und dann konnte das Ragú eine dreiviertel Stunde zugedeckt bei kleinster Hitze schmoren. Einige Kugeln hatte ich bereits geformt, bevor ich das Ragú anging…

Der Teig war sehr elastisch und ließ sich zwischen zwei Händen leicht in bleistiftdicke Rollen formen. Die schnitt ich in ungefähr kichererbsengroße Stücke. Nach dem Schritt könnte man theoretisch aufhören und sie einfach so kochen, aber das Auge isst mit. Also nahm ich jedes Stückchen und rollte es zwischen Daumen und restlichen Fingern zu einem kleinen Bällchen. Dabei hörte ich eine uralte Lieblingsplatte wieder und stellte fest, dass sie mir tatsächlich noch gefällt. Neil Youngs herrlich düsteres On the beach. Irgendwann war ich so vertieft ins Rollen, dass ich gar nicht bemerkte, dass es seit einer Weile still in der Küche war. Das war Zen. Und Platten waren damals eben nur 45 Minuten lang… Mist, das Ragú. Zum Glück hatte ich es auf so kleiner Hitze geschmort, dass nichts passiert war. Ich gab noch eine Handvoll Erbsen hinein und ließ es ohne Deckel noch einige Minuten einköcheln.

Die Ciciones kochte ich 5 Minuten in sprudelndem, gesalzenem Wasser. Dann probierte ich eines. Noch zu fest. Nach der 8. Minute gefiel mir die Konsistenz endlich, al dente, aber mit weichem Kern. Herr. H. betrat die Küche und schaute ein wenig entgeistert. Was das sei? Ciciones, handgeformt. Er schüttelte den Kopf. Ließ sich aber nach dem Leeren der ersten Schale gern nachgeben…

Ciciones

Fazit: Ein anderer, ebenso wichtiger Teil der Zen-Praxis besteht aus der Konzentration auf den Alltag. Dies bedeutet einfach nur, dass man sich auf die Aktivität, die man gerade in diesem Augenblick ausübt, vollkommen konzentriert, ohne dabei irgendwelchen Gedanken nachzugehen. Für die Zen-Praxis kann das Nudelndrehen eine wichtige Übung sein, möchte man jedoch mehr als zwei Personen beköstigen, empfiehlt es sich, die Gäste zwei Stunden früher einzuladen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Nudeln selbst zu drehen. ;-)

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22 Gedanken zu „Ciciones oder Zen in der Nudel

  1. Pingback: Fregole sarde mit Bohnenkernen und Zack statt Zen | lamiacucina

  2. Liebe Eva, ich habe mich nun an Fregola Sarda versucht, noch nicht perfekt, aber mit meditativer Anregung ;-). Ich habe Deinen Artikel dazu als eine meiner Inspirationsquellen in meinem Beitrag verlinkt. Ich hoffe, das ist Dir recht? Lieben Gruß und danke für die Ermutigung!

      • Prima ;-).
        Das ist schön, dass Dir Ermutigung Spaß bringt, die werde ich auf meinem langen Weg zur Pasta-Kneterin und Brotbäckerin nämlich gut brauchen können. Bei letzteren hast Du mich ja schon ganz hervorragend unterstützt – da werde ich jetzt fast schon übermütig und möchte Dein Rezept demnächst mal mit Schalotten und Vanille ausprobieren. Ich werde berichten.
        Ich dachte übrigens immer, der early bird fängt den Wurm. Wieder was gelernt ;-).

  3. Unfassbar. Was ein Gefummel! Aber sicherlich die Zeit wert. Der Zen-Ansatz gefällt mir. Werde ich bei Spargelschälen und Feldsalat belesen versuchen zu verinnerlichen. Mich machen solche Sträflingsarbeiten nämlich immer ganz kirre!

  4. Großartig! Die sehen sehr, sehr lecker aus. Ich mag ja frische Nudeln und ich schätze die Zen-Praxis. Aber ich würde wahrscheinlich nach dem vierten selbstgeklöppelten Nüdelchen aufgeben und einfach im Einklang mit mir selbst verhungern ;-).

  5. Das mit den Namen ist schon eine verflixte Sache. Ich hab solche “großen” Kugeln in meinem Pastabuch. Da sinds dann wieder einfach kleine Gnocchi. Ist aber doch eigentlich egal….schmecken immer!

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